Mit großem propagandistischem Aufwand wurde in der DDR zur Vorbereitung des 500. Geburtstages von Martin Luther ein "Martin-Luther-Komitee" gegründet. Sein Vorsitzenden ZK-Generalsekretär Erich Honecker. Landesbischof Werner Leich machte sich in einer vom Parteiorgan "Neues Deutschland" dokumentierten Rede vor dem Staatsrat Gedanken, die Marxisten in den Ohren klingen müsen.

Es steht einem Volk wohl an, sich seiner großen Männer und Frauen und ihrer Wirkungsgeschichte zu erinnern. Und da Martin Luther ohne die Kirche nicht zu denken ist, als deren treuer Sohn er sich auch in seinem Widerspruch verstanden hat, ist es angemessen, daß ein Vertreter der Kirche hier mit zu Worte kommt ... Die Anwesenheit von Vertretern des kirchlichen Luther-Komitees bringt zum Ausdruck, daß wir die Würdigung Martin Luthers auch unter außerkirchlichen Gesichtspunkten für sachentsprechend halten ... Daß dies ne-

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beneinander in gegenseitiger Achtung des je eigenen Ansatzes beim Partner möglich ist und daß zugleich nicht nur wechselseitige Information, sondern auch sachbezogene Zusammenarbeit geschieht, ist aus der Sicht unserer Kirchen besonders zu vermerken.

Das am 6. März 1978 bestätigte und wegweisend beschriebene Verhältnis von Staat und Kirche bei Wahrung der Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit des Partners und der gleichzeitigen Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Fragen, die die Partner gemeinsam betreffen, wird durch die Praxis in der Vorbereitung des 500. Geburtstages Dr. Martin Luthers erneut unterstrichen...

Leben und Werk Martin Luthers haben eine nachhaltige Breitenwirkung, die sich im Gedenkjahr noch steigern wird. Dadurch wird das Verhältnis von Staat und Kirche erneut der Bewährung durch das Nebeneinander von Marxisten und Christen in allen Bereichen und auf allen Ebenen des Zusammenlebens ausgesetzt. Wir wünschen uns, daß die Christen in unserem Staat inmitten ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. erfahren, was durch das Luther-Komitee der DDR in der Leitungsebene angezeigt wird. Sie sind gleichberechtigte und gleichgeachtete Bürger unseres Staates. Die Grundaussage über das Verhältnis von Staat und Kirche bedarf der beständigen Bestätigung durch die tägliche Erfahrung der Menschen, für die und um derentwillen wir Verantwortung tragen.

Wir erkennen schon heute, daß die im Gedenkjahr aus aller Welt in die DDR kommenden Besucher Luther nicht nur an den ehemaligen Stätten seines Lebens aufspüren wollen. Sie werden auch aufmerksam beobachten, wie die Christen in unserem Staat leben und wie in den Kirchen des Mutterlandes der Reformation die durch Martin Luther vermittelten Gaben weiterleben und weitergegeben werden können. Wir werden im Gedenkjahr 1983 besonders deutlich der Beurteilung durch Leben und Wirken des Reformators ausgesetzt sein, der niemanden ander; bekennen wollte als seinen Herrn Jesus Christus allein.