Lateinamerika sucht seinen Weg ohne Castro

Von Horst Bieber

Die offizielle Statistik weicht nur geringfügig von der inoffiziellen Zählung ab: Das amerikanische State Department sprach in der vorigen Woche von "rund 110 000 Kuba-Flüchtlingen", die auf Booten die nordamerikanische Küste erreicht haben; ein Flugblatt der Exilkubaner in Miami wußte es besser: "Sechsmal eine Niederlage für Fidel Castro = 111 111 befreite Brüder und Schwestern." Der Massen-Exodus Unzufriedener von der Zuckerinsel mag die innenpolitischen Probleme des Regimes erleichtert haben; der Schaden an Castros außenpolitischer Reputation, vor allem in Lateinamerika, ist noch gar nicht abzusehen.

Ausgerechnet die sowjetische Propaganda-Agentur Nowosti bestätigte diesen Sachverhalt nach der Devise, als Tatsache auszugeben, was man selber wünscht: "Lateinamerika heute ist ein brodelnder Kontinent, dessen Völker unter Führung der kommunistischen, der Arbeiter- und anderer fortschrittlicher Parteien eine entschiedene Schlacht gegen Imperialismus und Reaktion, für Frieden und sozialen Fortschritt ausfechten." Eine "Schlacht" findet überhaupt nur in dem mittelamerikanischen Zwergstaat El Salvador statt, und dort hat die vereinigte Linke weder die arg bedrängte Junta aus dem Sattel heben, noch die zum Gegenangriff angetretene Rechte überwinden können. Der Nachbarstaat Nicaragua, von Castro mit größter Sympathie betrachtet, driftet zwar nach links, kämpft aber gegen wirtschaftliche Schwierigkeiten, die zu beheben Moskau wie Havanna die Mittel und der Wille fehlen. Michael Manley, der Regierungschef von Jamaika, verwaltet eine bankrotte Insel und sucht Kredite, die er im Westen nur erhalten kann, wenn er große Teile des sozialistischen Systems opfert. Guyana und Trinidad/Tobago pflegen gute, aber auf Selbständigkeit bedachte Kontakte zu Kuba; vorbehaltlos auf fidelistischem Kurs liegt die kleine Karibik-Insel Grenada – kein überzeugendes Ergebnis einer nun fast vier Jahre währenden kubanischen Offensive der Freundschaft. Der Juli 1979, als in Nicaragua die Familiendiktatur Somoza gestürzt wurde, markierte ihren Höhepunkt, seitdem blieb sie stecken:

  • Der of: an die Wand gemalte Domino-Effekt in Mittelamerika ist nicht eingetreten. In El Salvador unterstützt Washington entschieden die Regierungs-Junta, die immer noch versucht, durch Reformen die Revolution aufzufangen. Von links und rechts gleichermaßen unter Beschuß genommen sieht ihre Zukunft nicht rosig aus; aber das Engagement der Vereinigten Staaten für den "Mittelweg" beunruhigt die militärischen Machthaber der nördlichen Nachbarn: Honduras hat mit Reformen begonnen, obgleich hier wie in ganz Lateinamerika der Satz gilt, daß der politisch-soziale Fortschritt eine Schnecke ist. Anti-Yankee-Parolen aus Guatemala verraten die Nervosität des dortigen Regimes, das seine Repression noch verschärft.

Demokratie auf dem Vormarsch

  • Die Demokratie hat einen weiteren Erfolg errungen: Das bolivianische Militär hat versprochen, die Präsidentschaftswahlen vom 29. Juni nicht zu verhindern. Zwar besagt solche Versicherung nicht viel – putschen läßt sich auch nach dem Wahltermin –, aber die umsturzfreudigen Offiziere haben anerkennen müssen, daß die Bevölkerung sich nicht mehr stumm und stumpf alles gefallen läßt.
  • Mit Bolivien wird das letzte der fünf Andenpakt-Länder – außerdem noch Venezuela, Kolumbien, Peru und Ekuador – eine parlamentarische Regierung erhalten. Dieses Regionalbündnis hat sich als vergleichsweise erfolgreich erwiesen und einen politisch-wirtschaftlichen Zusammenhalt entwickelt, der größeren Einigungsbemühungen versagt blieb. Spätestens seit Nicaragua ist unverkennbar, daß der Pakt sein Gewicht für eine Reform-Demokratie in die Waagschale werfen kann – und auch will.
  • Zwei Staaten vor allem fördern diese Entwicklung diskret, aber nachdrücklich. Venezuela hat nach dem Regierungswechsel im März vorigen Jahres seine ziellosen, auf ganz Lateinamerika gerichteten Vormacht-Träume aufgegeben und konzentriert sich seitdem auf seine natürlichen Nachbarn, die Karibik-Staaten – sehr zum Ärgernis Castros, der auf dieses Eindringen in "seine" Sphäre mit heftigen Vorwürfen gegen Caracas reagierte. Mexiko, – auf einer Ölwoge des Selbstbewußtseins schwimmend, setzt sein schwarzes Gold gezielt zur Förderung demokratischer und sozialer Reformen ein.