Wie Zehnkämpfer Guido Kratschmer zum "König der Athleten wurde

Nichts Geringeres als einen Weltrekord hatten sie im Visier. Doch den konnte natürlich nur einer, der eine, bringen. Aber daß der es auch noch angekündigt hatte, das Risiko eingegangen war, hernach als Großmaul dazustehen, wo er doch stets als Schweiger galt, das hatte alle elektrisiert. Und so fielen die Zehnkämpfer ins schwäbische Bernhausen ein (das freilich solche Invasionen auf Grund seiner ausgezeichneten Sportanlagen gewohnt ist), nahmen mit manchem Troß Quartier und waren entschlossen, es allen zu zeigen: Guido Kratschmer – aber wir auch.

Zwei Schweden machten mit, ein Australier, ein Holländer, vor allem aber die deutsche Elite aus Wattenscheid, Leverkusen, Mannheim, Fürth, Mainz und Staufen. Am Ende wurde es der Weltrekord: 8649 Punkte; aber auch die Nachfolgenden erzielten ein Ergebnis, wie es das innerhalb einer Nation noch nicht gegeben hat. Fünf Athleten erreichten mehr als 8000 Punkte. Vier weitere kamen über 7900, der vierzehnte noch übertraf 7600. Und Guido Kratschmer war Weltrekordler – das Stadion in Bernhausen tanzte.

Ein Fremder, ein Ahnungsloser, der irgendwann während dieser zwei Tage in die Nähe der Sportstätten gekommen wäre, würde sich vielleicht gewundert haben, daß derart hochwertiges, gut ausgestattetes Gelände Freizeitsportlern, vielleicht einem Thekenverein, zum Trimm-dich-Wochenend-Vergnügen überlassen wurde. Zehnkämpfer, die Athleten, die wahrscheinlich die gigantischsten Leistungen vollbringen müssen, bleiben gemeinhin nicht nur unter sich, sie installieren dabei auch ein Leben, das danach ist. Am Morgen kommen sie einzeln, mit Frau oder Freundin, mit Eltern oder Privattrainer aus dem Hotel herausgetröpfelt. In der Mehrzahl Riesen mit lächelnden Unschuldsmienen. Wenn vier oder fünf von ihnen den Frühstückssaal betreten, wird aus diesem ein zu klein geratenes Abstellzimmer.

Es geht auf elf Uhr zu, und es wird Zeit, noch einmal kräftig zu essen. Die Kellnerin muß schlucken, als sie an diesem Vormittag Bestellungen entgegennimmt: "Steak – Steak – Steak." – "Wir haben nur Rumpsteak mit Kräuterbutter", sagt sie. Das ist gerade richtig. "Und viel Salat", schallt es ihr nach. Sollte sie eine Ahnung von Frankenstein beschlichen haben, ist es gut, daß sie gegangen ist. Die Gespräche werden jetzt, intim: "Kannst du heute ungespritzt durchhalten, oder brauchst du wieder fünf bis sechs Spritzen?" lautet die mitfühlende Frage nach den alten, bei Spezialisten der Leichtathletik liebevoll gehätschelten Verletzungen.

Eine Stunde später: Warmlaufen vor dem 1CÖ-Meter-Lauf, mit dem um 13 Uhr der Zehnkampf eröffnet wird. Jürgen Hingsten aus Uerdingen – er wird in 32 Stunden mit 8407 Punkten eine Weltklasseleistung erzielt haben – sieht in den ersten Runden dieses Eintrabens wie ein alter Mann aus, der sehen will, ob’s noch geht. Der Zwei-Meter-Mann schleicht in einer Schrittfolge dahin, die an irgendeine Art Laufstil denken ließe, wenn es nur möglich wäre, damit ein auch nur andeutungsweise beschleunigtes Vorwärtskommen zu verbinden.

Doch allmählich wird in dem Bewegungsablauf Koordination erkennbar. Zwar immer wieder unterbrochen für eine Begrüßung, für ein Schwätzchen, bekommt jetzt das mit Gymnastik durchsetzte Warmlaufen etwas Leichtigkeit, verrät die zurückgehaltene Dynamik der geschonten Kräfte. Vereinzelte Sprungfolgen erinnern an Bilder von Bewegungen im schwerelosen Raum. Immer noch in ganz unangestrengter Körperhaltung, Arme und Hände schlackern wie Fransen am Trainingsanzug herunter, schwingen die Beine den Leib wie einen, bunten Strandball nach oben. Noch ist es Spiel, und auch wenn ein Athlet es liebt, mit dem Spielerischen zu kokettieren, er wird das Notwendige später doch unauffällig tun.