Von Karl-Heinz Janßen

In der Nacht zum Freitag voriger Woche explodierte eine Bombe im achten Stock des Rathauses Kreuzberg in Berlin und verwüstete die Bauabteilung des Bezirksamtes. Zu dem Anschlag bekannte sich die "Bewegung 2. Juni", von der einige Mitglieder seit Monaten im sogenannten Drenkmann-Lorenz-Prozeß vor Gericht stehen. In ihrem Bekennerbrief begründen die Täter ihren Terrorakt mit der Sanierungspolitik in Kreuzberg, wo "Revolutionäre Zellen" in letzter Zeit mehrmals aus Protest Baumaschinen beschädigt hatten.

Doch die Feuerlöscher-Bombe im Rathaus war mehr als ein Berliner Lokalereignis – die Terroristen reagierten auch auf das "Auflösungsgequatsche" über ihre Organisation. Wenige Tage zuvor hatte nämlich die Angeklagte Gabriele Rollnick im Gerichtssaal verkündet (gegen den Einspruch einzelner Mitangeklagter wie Fritz Teufel), der "2. Juni" habe sich der RAF, der "Rote Armee-Fraktion", angeschlossen.

Die Auflösungserklärung war bereits seit Anfang Juni in der Bundesrepublik als Flugblatt verbreitet worden. Ganz überraschend kam sie nicht, denn die Fahnder des Bundeskriminalamtes hatten schon seit längerer Zeit bemerkt, wie sich die Grenzen zwischen den konkurrierenden Terrororganisationen mehr und mehr verwischten, oft bis zur Unkenntlichkeit. Den letzten Beweis erbrachte Anfang Mai die Verhaftung von fünf deutschen Frauen in Paris, die teils der RAF, teils dem "2. Juni" zugerechnet werden.

Die Terroristen entzweien sich, und wenn sie fusionieren, so erleichtert das nur die Fahndung – so der erste beruhigende Eindruck in der Öffentlichkeit. Und was sagen die vielen tausend Jugendlichen, die sich ihre "Staatsverdrossenheit" bei den Grünen und in den K-Gruppen, bei Anti-Kernkraft-Demonstrationen und Hausbesetzungen abreagieren? Ihre Meinung nahm schon die ultralinke Tageszeitung vorweg: "Zwei Schritte zurück, gradlinig an allen Diskussionen der legalen Linken und den tatsächlichen sozialen Bewegungen in der BRD vorbei..." Mit diesem Stimmungsbild deckt sich jene Lage-Einschätzung, die im letzten Herbst aus dem Bundeskriminalamt ventiliert wurde: Die Terroristen finden kaum noch militanten Nachwuchs, ihre Sympathisanten werden weniger, und sie sind knapp bei Kasse.

Also muß sich der Bürger den Schlaf nicht rauben lassen? Gar nicht so beruhigt geben sich die Sicherheitsexperten des (sozialdemokratischen) Hamburger Innensenators Werner Staak. Sie sprechen von einer "sehr bedrohlichen Ausgangsposition" der Terroristen und vergleichen die Situation mit dem Frühjahr 1977, also unmittelbar vor jener "RAF-Offensive", der Generalbundesanwalt Buback, Bankier Ponto, Arbeitgeber- und Industriepräsident Schleyer und sechs Begleiter zum Opfer fielen. Nach den Hamburger Erkenntnissen ist der "harte Kern" der RAF-Kommandos wieder so stark wie damals – allen Fahndungserfolgen zum Trotz (Allein seit 1977 wurden 18 Terroristen gestellt).

Von den mindestens zwanzig Stadtguerrilleros sind ein Drittel Neuzugänge. Sie stützen sich auf ein Umfeld von ungefähr 150 bis 200 direkten Unterstützern, den "legalen Arm" der RAF. Diese offen agierenden und agitierenden Gruppen verteilen sich auf die Städte Berlin, Hamburg, Wuppertal, Bochum, Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Mannheim, Heidelberg und Stuttgart. Das RAF-Terroristenkommando kann offensichtlich nun auch auf die "Kriegskasse" des "2. Juni" zurückgreifen, also auf das Lösegeld für den 1977 entführten Wiener Strumpf-Millionär Palmers – von den 4,5 Millionen Mark dürften noch rund zwei Millionen übrig sein. Die Tage, da ein Baader auf großem Fuß lebte, sind längst dahin – nun wird im Kollektiv über jede Ausgabe streng Buch geführt.