Man könnte geneigt sein, diesen Befund als vorbeugende Schwarzmalerei abzutun. Doch die Hamburger Experten zeichneten sich bislang eher durch ruhig-nüchterne Analysen aus. Sie haben sich im Herbst 1977 nicht von der Terroristenhysterie anstecken lassen, als manche Staatsschützer bereits "nach einer relativ kurzen Ruhe- und Planungsphase" spektakuläre Einzelaktionen wie Bombenanschläge im In- und Ausland oder eine neue Mehrfachentführung prophezeiten, andere schon Geiselnahmen in Schulen und Kindergärten oder Raketenangriffe auf Lufthansa-Maschinen befürchteten – alles Aktionen, die überhaupt nicht ins strategische Konzept der RAF hineinpaßten. Dafür erregte Senator Staak jedoch ungläubiges Aufsehen, als er vor einem Jahr den Sprengstoffanschlag auf den damaligen Nato-Oberbefehlshaber General Alexander Haig, entgegen der Annahme des Bundeskriminalamtes, unzweideutig auf das Konto der RAF buchte.

Der General sollte in der Nähe von Brüssel mit seinem Wagen in die Luft gesprengt werden, entkam dem Attentat jedoch in letzter Sekunde, weil die Bombe zu spät gezündet wurde. Die Verantwortung übernahm ein "Kommando Andreas Baader" (alle bisher aktiven RAF-Kommandos trugen die Namen toter Genossen), das anscheinend mit einer belgischen Unterstützergruppe zusammengewirkt hatte: "wir haben diese aktion gemacht, weil haig in einer besonderen präzision den ‚neuen kurs‘ oder den ,modified style’ der amerikanischen Strategie repräsentiert und exekutiert." Immer noch wie zu Zeiten des Vietnamkrieges ist Amerika für die RAF-Terroristen der Hauptfeind der "antiimperialistischen Front in den Metropolen". Haig war in ihren Augen der Prokonsul des US-Imperialismus in Europa, der Vollzugsbeamte einer US-Globalstrategie gegen die Völker der Dritten Welt (Durch die inzwischen in Teheran veröffentlichten Haig-Dokumente, in denen Umsturzpläne, ja sogar ein Attentat auf den Ajatollah Chomeini erwogen werden, können sie sich in mancher Hinsicht nachträglich bestätigt fühlen).

Auffälligerweise macht die RAF-Propaganda, vor allem durch den Mund der "Antifas", der antifaschistischen Gruppen, seit der Geiselnahme in Teheran wieder mehr von sich reden. Offensichtlich vermeinen ihre Strategen, daß wegen der Krisen um Iran und Afghanistan und der Verhärtung im Nahostkonflikt der Wind der Geschichte wieder stärker in ihre Richtung bläst. Sie fühlen sich zu neuen Schreckenstaten ermuntert, wenn südkoreanische Aufständische eine Großstadt "befreien" und tagelang in ihrer Gewalt halten. Der Krieg, den die RAF den Herrschenden in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft erklärt hat, ist für sie ein "Klassenkampf als Teil des Befreiungskrieges in der Dritten Welt", so wie ihn Ulrike Meinhof als Chefideologin der Stadtguerilla während ihrer Haftzeit definierte.

Ulrike Meinhofs Ideen tauchen in allen Verlautbarungen der RAF-Nachfolger wieder auf – von der Erklärung der "Landshut"-Entführer über die Reden des Angeklagten Knut Folkerts vor den Gerichten in Holland und Deutschland bis zum Papier der Haig-Attentäter und dem Auflösungsbeschluß des "2. Juni" zieht sich wie ein roter Faden die Angriffsrichtung gegen Amerika und dessen "Projekt Westeuropa", das angeblich von der Regierung Schmidt beherrscht wird ("Modell Deutschland").

So wie die stalinistische KPD 1933 die "sozialfaschistische" SPD und nicht die Nationalsozialisten als Erzfeind betrachtete, so hat sich die RAF innerhalb der Bundesrepublik die Sozialdemokratie zum Hauptfeind erkoren: "Weil nur sie (so Ulrike Meinhof), aus ihrer Geschichte, über die Sozialistische Internationale und den Kontakt mit den Gewerkschaften verfügt, um das Konsolidierungsprojekt des neuen Faschismus in Europa durchzusetzen").

Die RAF will jetzt, wie es vor einigen Wochen die Besetzer der Hamburger St. Georgskirche ankündigten, ihr eigenes "Modell Deutschland" in die Tat umsetzen. Ihr Optimismus ist erstaunlich, denn gegenwärtig werden unter der außerparlamentarischen Linken ganz andere Modelle erörtert, zum Beispiel Formen des gewaltlosen Widerstandes, wie er in der "Freien Republik Wendland" zu Gorleben so mustergültig praktiziert worden ist.

Anscheinend verspricht sich die Terroristenorganisation Zulauf und stillschweigenden Zuspruch von jenen, die nach jahrelanger opferwilliger Parteiarbeit in den K-Gruppen resignieren und verzweifeln, aber auch von den freischwebenden "Undogmatischen" und "Spontis". Die RAF wertet es – mit Recht – als Erfolg, daß die Gefangenenhilfsorganisation amnesty international die Haftbedingungen der Terroristen in der Bundesrepublik kritisiert hat. Und sie wittert Morgenluft, seit in Bremen Tausende von Jugendlichen gegen Bundeswehr und Nato demonstrierten und seit in Berlin und Frankfurt Krawalle vor den Amerikahäusern inszeniert wurden.

Kurzum: Deutschlands immer noch gefährlichste Terroristen wollen den Krieg wieder in den Städten führen. Ihre Kommandos haben, nach dem Desaster von Mogadischu, die Kritik ihrer Genossen aus dem Gefängnis beherzigt. Sie wollen sich nicht mehr auf Palästinenser-Kommandos verlassen, sondern auf eigene Faust und Rechnung kämpfen. Innerhalb der Linken spielen sie sich nach wie vor als Elite auf. Entsprechend setzen sie ihre Ziele – Taten mit hohem politischen Niveau, mit technischer Perfektion und gründlicher Planung, weltumgreifend, weltbefreiend. Sie sind schrecklich deutsch, unsere Terroristen. Wir dürfen sie nicht unterschätzen.