Von Dietrich Schwarzkopf

Zwischen Frau Noelle-Neumann, Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach, und den Rundfunkanstalten gibt es einen langandauernden Streit darüber, ob die politischen Sendungen des Fernsehens bei den Bundestagswahlen 1976 den Sieg der sozialliberalen Koalition bewirkt hätten. Die Rundfunkanstalten halten diese Behauptung für widerlegt oder nicht bewiesen, haben auch Zweifel an der methodischen Zuverlässigkeit der Umfragen geäußert, auf die sich die Behauptung stützt. Dagegen hat Frau Noelle-Neumann bisher das Argument vertreten, bei dem sehr knappen Wahlergebnis von 1976 – 350 000 Stimmen bei rund 38 Millionen Wählern gaben den Ausschlag zugunsten der Bonner Koalition – lasse sich nicht von der Hand weisen, daß das durch das Fernsehen beeinflußte Meinungsklima eine entscheidende Rolle gespielt habe.

Im Wahljahr 1980 – die Verlagsankündigung weist ausdrücklich darauf hin – erscheint nun:

Elisabeth Noelle-Neumann: "Die Schweigespirale. Die öffentliche Meinung – unsere soziale Haut", Piper Verlag, München 1980; 296 S., 34,– DM.

Die Theorie der Schweigespirale hatte die Autorin im Frühjahr 1976 veranlaßt, ihr demoskopisches Instrumentarium einzusetzen, um die Entwicklung von Meinungsklima und die Entstehung der Wahlentscheidung zu beobachten. Nach dieser Theorie haben die Menschen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Harmonie mit ihrer Umwelt, fürchten die Isolierung von dieser Umwelt und sind mit einem feinen Wahrnehmungsvermögen ausgestattet, mit dessen Hilfe sie die Schwingungen und Schwankungen des Umweltklimas registrieren.

Haben Anhänger einer bestimmten Partei während des Wahlkampfs wahrgenommen, daß sich das Meinungsklima um sie herum zuungunsten ihrer Partei verändert, was tun sie dann? Bekehren und bekennen sie sich öffentlich zu der sich scheinbar formierenden Mehrheitsmeinung? Oder schweigen sie aus Isolierungsfurcht, aber unbekehrt?

Frau Noelle-Neumann beschreibt das Meinungsklima während des Bundestagswahlkampfes 1972 so: "Wer von der neuen Ostpolitik überzeugt war, spürte, wie das, was er dachte, von allen gebilligt wurde. Und also äußerte er sich laut und voll Selbstvertrauen und zeigte seine Ansichten; diejenigen, die die neue Ostpolitik ablehnten, fühlten sich alleingelassen, zogen sich zurück, verfielen in Schweigen. Und eben dieses Verhalten trug dazu bei, daß die ersteren stärker schienen, als sie wirklich waren, und die letzteren schwächer. Diese Beobachtungen in ihrem Umkreis veranlaßten wieder andere, sich laut zu bekennen oder ihre Ansichten herunterzuschlucken und zu schweigen, bis wie in einem Spiralprozeß die einen öffentlich ganz dominierten, und die anderen aus dem öffentlichen Bild völlig verschwunden und ‚mundtot‘ waren. Das ist also der Vorgang, den man als ,Schweigespirale‘ bezeichnen kann."