Frankreich kann den neuen Ölschock nicht mehr verkraften

Die Franzosen nennen so etwas kurioserweise eine "douche écossaise", eine schottische Dusche (zu deutsch: ein Wechselbad). Da preist das amerikanische Magazin Newsweek auf seiner Titelseite "Frankreichs Exportboom", gleichzeitig verkündet Wirtschaftsminister René Monory ein Rekorddefizit im Außenhandel – und beide haben recht.

Zweifellos hat die französische Industrie in der letzten Zeit ihre Exportbemühungen auf bemerkeneswerte Weise verstärkt. Newsweek: "Mit starker finanzieller Unterstützung durch die Regierung liegen französische Unternehmen in praktisch Jedem Bereich der Spitzentechnologie von der Luftfahrt über die Sonnenenergie bis zu Mikroprozessoren gut im Rennen. Darüber hinaus hat eine neue Generation von Managern damit begonnen, sich in Frankreichs Chefetagen breit zu machen." Der Erfolg: Die einst eher selbstgenügsame Nation hat Japan den Rang als drittgrößte Handelsmacht der Welt abgelaufen.

Doch der noch frische Lorbeer droht zu welken, weil die Einfuhren noch schneller wachsen als die Ausfuhren. 1978 wies die Handelsbilanz noch einen Überschuß von 3,1 Milliarden Francs auf, 1979 wurde daraus ein Defizit von acht Milliarden. Von Januar bis einschließlich April dieses Jahres hat sich bereits ein Fehlbetrag von 20,6 Milliarden Francs angesammelt, und bis Ende 1980 dürfte diese Lücke auf mindestens 50 Milliarden anwachsen. Die Erklärung für den Marsch in die roten Zahlen braucht man nicht lange zu suchen: Frankreich wird mit den teuren Ölpreisen nicht fertig.

Unsere Nachbarn sind zu fast sechzig Prozent von Energieimporten abhängig, weil die heimischen Gas- und Kohlevorräte zur Neige gehen, das ehrgeizige Nuklearprogramm aber noch mitten in der Entwicklung steckt. Experten haben ausgerechnet, daß die seit Anfang 1979 von den Opec-Ländern beschlossenen Preiserhöhungen mit 60 Milliarden Francs im Jahr zu Buche schlagen. Das Wirtschaftsministerium zieht daraus den nüchternen Schluß: "Der zweite Ölschock ist so groß, daß er nicht rasch absorbiert werden kann; die Rückkehr zu einer ausgeglichenen Handelsbilanz kann nur schrittweise erreicht werden."

Dabei kommt der wieder stabilere Dollar den französischen Anstrengungen gar nicht entgegen. Der Dollarkurs braucht sich nur um zehn Centimes zu verbessern, undschon ist die französische Ölrechnung um drei Milliarden Francs teurer. Gleichzeitig kann man der Regierung in Paris bestimmt nicht nachsagen, daß sie nichts tut, um den Energieverbrauch im Land zu drosseln.

Ein anderes Handikap ist nicht zu übersehen: Gerade mit den Industrienationen floriert der Handel nicht. Das Defizit mit den USA (1979: 14 Milliarden Francs) hat sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Auch die Exportlücke im Handel mit der Bundesrepublik konnte im vergangenen Jahr nicht reduziert werden und lag Ende 1979 bei zehn Milliarden Francs. In dieses Bild paßt auch die Erfahrung, daß lediglich mit den krisenanfälligen Ländern der Europäischen Gemeinschaft, nämlich Großbritannien und Italien, ein Überschuß erwirtschaftet wurde.