Hamburg

Hamburg sucht einen Oberbaudirektor, Klein und unauffällig stand es in der örtlichen Presse, während die Wahl eines neuen Intendanten für’s Theater oder für den Funk regelmäßig kulturpolitisch Schlagzeilen macht: Ist die Stadt als Ganzes weniger wert als eine Bühne, ist Architektur etwa keine kulturpolitische Szene, ist ein Oberbaudirektor uns nicht so teuer wie ein Intendant?

Der OD – wie er im Fachjargon heißt – ist als fachlicher Leiter der Baubehörde zuständig für die städtebauliche Planung von Verkehr, Wohnungsbau, Erholungs- und Gewerbegebieten, aber genauso verantwortlich für die Gestaltung, die Schönheit und "Liebenswürdigkeit" der Stadt.

Beides zusammen hat Architekten wie Martin Wagner in Berlin, Schumacher in Hamburg oder Hillebrecht in Hannover befähigt, mit Kompetenz, Überzeugungskraft, aber auch mit Entschlossenheit ihre Städte sozial und kulturell entscheidend mitzuprägen.

Der erste und oberste Auftrag des gesuchten Mannes oder der gesuchten Frau müßte deshalb sein, diese Stadt als soziales und städtebauliches Ganzes zu begreifen. Ein Beispiel: Schumacher nahm die notwendige Regulierung des Alsterlaufes zum Anlaß, statt eines auch damals üblichen Kanalbaus mit Ingenieur-Böschungen eine Freizeit-Erholungslandschaft durchzusetzen. Wasserflächen, Uferpromenaden, Parks, Badeanstalten, Straßen, Brücken und angrenzende Wohngebiete wurden zu einem viele Kilometer langen, attraktiven Gesamtkunstwerk. Selbst Brückengeländer wurden nicht als langweiliges, technisches Übel angebracht, sondern "liebevoll", oft von Bildhauern, phantasievoll gestaltet. Ein solcher Städtebau war damals ein soziales Ereignis, das neue Zeichen setzte.

Soziale und Gestaltungskonzepte dieser Dimension und Qualität hat es seither in Hamburg nicht gegeben. Nur im Technikbereich entstanden noch gesamtstadtbezogene Planungen (Generalverkehrspläne, Stadtentwässerung). Das kann auf die Dauer nicht gutgehen, denn die Ansprüche der Bürger an die Gestaltqualität und individuelle Freiräume in ihrer Umwelt nehmen weiter zu und dies auf immer enger werdendem Raum.

Eine Studie der angesehenen Prognos-Gesellschaft erwartet, selbst bei fallender Bevölkerungszahl, ein Wachstum der städtischen Wohnflächen "um fast ein Viertel". Hier muß ein Oberbaudirektor für die Stadt und ihre Bürger "Schicksalsfragen wittern". Dazu ein aktuelles Problem, es gibt noch vergleichbare andere: