Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

Wenn die Regierung im Iran plötzlich auf die Idee käme, Ramsey Clark Verhandlungen über die Entlassung der Geiseln anzubieten, was würde Jimmy Carter wohl machen? So fragen mit genüßlichem Spot: die Kritiker im Lande. Würde-er Clark begnadigen oder würde er ihn nur zur Bewährung aus dem Gefängnis entlassen? Schon wieder hat der Präsident den Spott auf sich gezogen, weil ihm im ungünstigsten Moment das falsche Wort entschlüpfte. Er meine, hatte Carter den ihn begleitenden Presseleuten an Bord der Airforce one offenbart, daß Clark und die anderen, die entgegen seinen Direktiven nach Teheran gereist seien, bestraft werden müßten.

Hätte der Präsident doch geschwiegen! Oder hätte er – womit er im Rahmen seiner Zuständigkeiten geblieben wäre – wenigstens abwägend erklärt, er wolle das Justizministerium mit der Untersuchung beauftragen, ob Clark sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht habe. So aber klagt die "Union für bürgerliche Freiheiten", Jimmy Carter habe den Fall Clark mit der Voreingenommenheit des Präsidenten belastet. Der Harvard-Verfassungsrechtler Laurence H. Tribe meint sogar, seit Richard Nixon den Massenmörder Charles Manson schon vor dem Prozeß für schuldig erklärte, habe es eine vergleichbare Mißachtung verfassungsrechtlicher Normen nicht mehr gegeben. Die ganze liberale Presse hat Jimmy Carter auf dem Hals. Ramsey Clark selbst, der Mann, der den Wirbel ausgelöst hat, geriete darüber wohl bald an den Rand des Geschehens – stünde nicht weiter das Schicksal der 53 amerikanischen Geiseln auf dem Spiel, ginge es nicht auch darum, ob Amerika mit einem Akt der Selbstgeißelung ihre Freilassung erwirken kann.

Clark ist dieser Meinung. Ein Heiliger oder ein Narr? So fragt Richard Reeves, einer der schärfsten und besten politischen Schriftsteller des Landes. Ein schwieriger, ein unbequemer Zeitgenosse ist Clark in jedem Fall. Diejenigen, die einmal seine politischen Freunde waren oder die ihn gar – wie Tom Wicker von der New York Times im Vorwort zu Clarks Buch "Verbrechen in Amerika" – als einen Revolutionär des menschlichen Verhaltens feierten, haben es heute schwer, sich für Clark in die Schanze zu schlagen. Er vermischt Politik und Moral auf provozierende; ja penetrante Weise. Einen ehemaligen Justizminister zu Füßen des Ajatollah Chomeini zu sehen, wo er sich selbstanklagend an die Brust schlägt – das ist kein Bild, das einen Amerikaner in esem Augenblick unbeteiligt läßt. Um diese Anblick als "unwürdig" oder gar als "nationale Schande" zu empfinden, bedarf es nicht erst des konservativen Bewußtseins eines Senators Tower.

Wie der aufgebrachte Republikaner Tower stammt auch der 53jährige Ramsey Clark aus Texas. Daß er unter Präsident Johnson, schon Justizminister wurde, wird hauptsächlich dem Einfluß seines Vaters zugeschrieben. Tom Clark war Richter im Obersten Bundesgericht und räumte seinen Posten, als Sohn Ramsey Attorney General wurde. Das gab Johnson die Möglichkeit, den Stuhl im Obersten Bundesgericht mit einem Mann seiner Wahl zu besetzen.

Auf diesem verschlungenen Pfad kam Clark zum Gipfel seiner politischen Karriere – so sehen es jedenfalls erfahrene Washingtoner Anwälte, weil es ihnen nicht verborgen geblieben wäre, wenn er sich bis dahin durch besondere juristische Kenntnisse und Fähigkeiten ausgezeichnet hätte. Er hat Johnson loyal gedient; seine Kritiker sagen: übertrieben loyal. Denn immerhin betrieb Clark die strafrechtliche Verfolgung des Kinderarztes Benjamin Spöck, weil dieser junge Vietnam-Kriegsdienstverweigerer beriet. Unter der Verantwortung des Justizministers liefen auch Abhöraktionen, die sich gegen die Widersacher des Vietnamkrieges richteten.