Von Hans Herbst

Seminarraum in St. Virgil. Sechzehn junge Menschen auf unbequemen Stühlen am Jangen Tisch. Gemeinsames Kennzeichen: Alle wollen Journalist werden. Auf dem Intensivprogramm steht heute „Reportage“. Was das ist, sollen die sechzehn lernen und nie mehr vergessen; dafür sorgt seit zwei Stunden Hans-Joachim Schlüter, 46, Schwabe aus Berlin, Journalist, Kettenraucher, graues Haar, Brille.

Schlüter: „Reportage schreiben heißt, sich zu den Betroffenen in den Rollstuhl setzen.“ Der Satz geht ins Ohr und in den Bleistift. Sechzehnmal steht die griffige Definition jetzt in den Notizblöcken am langen Tisch.

Alice Potz wird rot beim Vorlesen. Sie hat die erste Reportage ihres Lebens geschrieben. Hundert Schreibmaschinenzeilen hat sie sich abgerungen; und am Rande der ersten zwei Absätze steht mit Filzstift geschrieben: „Sehr guter Einstieg und Übergang!“ Chefredakteur Schlüter („Sonntag aktuell“, Stuttgart) spart nicht mit Kritik, aber auch nicht mit Lob.

Manchmal korrigiert er ganze Stücke, macht Verbesserungsvorschläge. „Hört man den Namen Salzburg, denkt man unwillkürlich an Mozartkugeln“, hat einer geschrieben. Warum nicht einfach: „Bei Salzburg denkt man an Mozartkugeln?“ Der Autor ist einverstanden, und auch die anderen nicken beifällig; die Besprechung der Manuskripte geschieht in Gemeinschaftsarbeit.

Alice ist mit 25 die älteste unter den sechzehn jungen Damen (sechs) und Herren (zehn), die an dieser dreiwöchigen „Ferienakademie des Münchner Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses e. V.“ im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg-Aigen teilnehmen. Alice hat bereits ein Studium als Sozialpädagogin, acht Semester, abgeschlossen; sie studiert jetzt im vierten Semester Theologie. Die zehn Semester wird sie durchhalten, sagt sie. „Ich liebe mein Studium.“ Aber man hat ihr gesagt, daß sie schreiben könne. Also hat sie sich bei diesem Institut beworben.

Die „Stipendiaten“, wie Instituts-Geschäftsführer und Studienleiter Wilfried Schwedler seine Schützlinge zu nennen pflegt, müssen die feste Absicht haben, einen publizistischen Beruf zu ergreifen und ein dahinführendes Studium zum Abschluß zu bringen (M. A., Diplom, Staatsexamen oder Promotion). Aber führt denn der direkte Weg zum Journalismus über die Theologie? Nun, nicht immer, aber man denke einmal an den Kirchenfunk oder an Kirchenzeitungen.

Bei der Bewerbung, so heißt es in den Richtlinien des Instituts, muß schon eine überdurchschnittliche Begabung erkennbar sein. Die erste Vorstellung in der Amalienstraße in München ist denn auch mit einer Prüfungsarbeit verbunden. „In diesem Jahr“, so Schwedler, „haben wir die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zu medienpolitischen Fragen, die Bischof Georg Moser vor kurzem veröffentlicht hat, kommentieren lassen.“ Man will wissen, „ob Sachkenntnis da ist“. Und noch etwas mehr möchte man wissen.

Das Institut, das 1969 im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz gegründet wurde, will katholische Studenten fördern, die einen publizistischen Beruf ansteuern. Erwartet wird eine überzeugte christliche Grundhaltung; bloße äußere Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche genügt nicht.

Eine wirkliche Kaderschule? Indoktrination? Die Frage ist unvermeidlich, zumal das Förderungswerk in der Obhut eines Jesuiten steht. P. Dr. Wolfgang Seibel SJ, geistlicher Leiter des Instituts, winkt ab: „Wir können keine Konfessionsschule sein. Die katholische Grundüberzeugung muß von den Stipendiaten schon mitgebracht werden. Allerdings – bei uns findet auch Auseinandersetzung über Grundfragen des Glaubens statt.“

Daß mit der geistlichen Leitung ein Jesuit beauftragt wurde, will, so wird betont, nichts besagen, außer, daß damit einer gefunden wurde, der selber das journalistische Handwerk ausübt. P. Seibel ist seit 1966 Chefredakteur der Zeitschrift „Stimme der Zeit“.

Bei der Auswahl der Lehrkräfte für die Akademien – Praktiker der Massenmedien, Journalisten und Dozenten aus dem Bereich der Publizistikwissenschaft – wird nicht nach der Konfession gefragt, wenngleich man manche Namen entdeckt, die sich in ihrem Tätigkeitsfeld auch weltanschaulich profiliert haben. Die fachliche Qualifikation sowie die Fähigkeit, Fachkenntnisse weiterzuvermitteln, sind entscheidend. Es kommt vor, daß ein Referent gar keiner Kirche angehört. Und ein evangelischer Pastor war auch schon da.

Diese „Öffnung“ entspricht übrigens ganz den Prinzipien der Pastoralinstruktion „Communio et Progressio – über die Instrumente der sozialen Kommunikation“, wonach eine Zusammenarbeit mit „allen Menschen guten Willens“ angestrebt wird. Die Kirche ist, so heißt es in der vom II. Vatikanischen Konzil in Auftrag gegebenen und in jahrelanger Diskussion erarbeiteten „Instruktion“, „sehr daran interessiert, mit den Kommunikatoren, gleich welcher religiöser Überzeugung, zusammenzuarbeiten zum gemeinsamen Bemühen, die Probleme dieses gesellschaftlichen Dienstes zu lösen“.

Das fachliche Ausbildungs- und Förderungsprogramm des Instituts bietet:

1. Individuelle Beratung bei der Studienplanung (Wahl der Universität, Kombination der Studienfächer).

2. Vermittlung mehrwöchiger Praktika während der Semesterferien bei Presse, Hörfunk und Fernsehen.

3. Ferienakademien. Jeder Stipendiat besucht während der dreijährigen Förderungszeit insgesamt drei Ferienakademien, die im journalistischen Ausbildungsprogramm aufeinander abgestimmt sind, außerdem ein Informationswochenende über aktuelle kirchliche Fragen. Die erste Akademie dient der Vorbereitung auf das erste Pressepraktikum; Schwerpunkt der zweiten Akademie ist die Einführung in die Hörfunkarbeit; die dritte Akademie ist Sonderthemen gewidmet.

4. Finanzielle Unterstützung. Für das Ferienpraktikum kann ein Zuschuß gewährt werden; auch sind Zuschüsse für die Beschaffung von Fachliteratur und für besondere Studienvorhaben möglich. Der Bewerber darf höchstens im dritten Semester seines Studiums stehen. Jedes Jahr melden sich 40 bis 45, wovon 15 angenommen werden. Die meisten kommen aus geisteswissenschaftlichen Fächern.

Während in den ersten Jahren der Institutsarbeit sehr stark die Soziologen und Politologen vertreten waren, kommen jetzt mehr Bewerber aus den Fächern Geschichte, Germanistik und Theologie; aber auch Wirtschaftswissenschaftler und Juristen sind unter ihnen, „leider“ (Schwedler) wenig Naturwissenschaftler. Die Kombination Journalismus/Naturwissenschaft ist noch nicht sehr begehrt, obwohl die Darstellung wissenschaftlicher Themen in den Medien eine wichtige Aufgabe ist.

Gibt das Institut auch kritischen Kindern der Kirche eine Chance? Anders gefragt: Kommt es vor, daß Bewerber eine kritische Einstellung gegenüber bestimmten Ausformungen der Kirche zu erkennen geben? Diese Frage beantworten P. Seibel und Dr. Schwedler ohne Zögern mit „ja“. Und das ist kein Grund, den Bewerber abzulehnen. Das Institut vertritt in innerkirchlichen Auseinandersetzungen keine bestimmte Position.

„Keine Angst vor Konflikten in der Kirche!“ Diesen Rat erteilt Prof. Dr. Josef Innerhofer, Chefredakteur der Kirchenzeitung der Diözese Bozen/Brixen (Auflage 22 000) und Inhaber eines Lehrstuhls für Kommunikationspädagogik. Innerhofer leitet in der diesjährigen Akademie wieder das Gespräch über das Thema „Der Christ im journalistischen Beruf“.

Prof. Innerhofer: „Die Kirche braucht auch Kritik.“ Und wie steht es mit „Kirche und Politik“? „Man soll christliche Grundsätze in die Politik hineintragen. Daß eine Partei sich christlich nennt, finde ich abwegig.“ Da Innerhofer als Südtiroler aus speziell italienischer Erfahrung spricht, beeilt er sich hinzuzufügen: „Ich will mich nicht in deutsche Verhältnisse einmischen! Allerdings sollte die Kirche immer gegen die Mächtigen sein und für die Belange der Schwachen eintreten!“

Innerhofer kommt sicherlich den Auffassungen vieler Akademieteilnehmer entgegen. Die religiössoziale Einstellung ist hier stark vertreten. Manch einer kommt aus der katholischen Jugendbewegung; der Anteil der Studenten, die aus Arbeiterfamilien kommen, ist überdurchschnittlich hoch.

Wer sich die Zeit nimmt, in St. Virgil ein paar Tage zuzusehen und zuzuhören, wird feststellen, daß hier intensiv gearbeitet wird. Ein Blick in das Programm: Ein Tag „Kommunikationsübungen“. Drei Tage „Die Nachricht“. Dreieinhalb Tage wird über „Interview, Bericht, Reportage“ gearbeitet. Ein Abend lang „Das Bild in der Zeitung“. An einem Nachmittag wird ein Informationsgespräch mit ehemaligen Stipendiaten geführt, die jetzt in Presse und Rundfunk tätig sind. Für dreieinhalb Tage heißt das Thema „Die Gestaltung einer Tageszeitung“. Heinz Schweden von der „Rheinischen Post“ macht dann mit den Studenten „echt“ Zeitung.

Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses Dr. Wilfried Schwedler, Amalienstraße 71, 8000 München 40.