Eine Oase: Klaus Schlettes Südostbayerisches Städtetheater

Von Benjamin Henrichs

Am 17. März, einem Montag, begann im Leben des Theaterdirektors Klaus Schlette ein neuer Abschnitt. Wie es sich für den Prinzipal eines Kleintheaters (nicht erst seit Emanuel Striese) gehört, hat Schiene viele Berufe. Er ist Intendant, Regisseur, Schauspieler, Bühnenbildner, Verwaltungsdirektor. Am 17. März, einem Montag, begann Klaus Schlette eine neue künstlerische Karriere: er nahm seine erste Unterrichtsstunde auf der Violine. Schon sechs Wochen später wollte er im neuen Berufe vor sein Publikum treten: mit einem Geigensolo in O’Caseys Komödie "Das Ende vom Anfang".

Am 16. März, einem Sonntag, hatte ich Klaus Schlette in Passau getroffen, und er hatte stolz von seinem neuen Projekt erzählt. Ironische Fragen, ob er denn der Geige nach so überaus kurzer Studienzeit mehr als ein paar kratzende oder meinetwegen jaulende Töne entlocken werde, ob also nicht schon seine erste Geigenstunde der Anfang vom Ende sei, überhörte der Theaterdirektor majestätisch. "Zur Aufführung müssen Sie nicht kommen", sagte er. "Wenn es soweit ist, rufe ich Sie an und spiele Ihnen das Geigenstück am Telephon vor."

Klaus Schlette rief nicht an. Also machte ich mich auf den Weg nach Landshut – zum dritten Mal schon in diesem Jahr.

Von allen Theaterreisen der vergangenen Saison waren mir die nach Landshut die liebsten. Von allen Theateraufführungen der vergangenen Saison waren die in Landshut keineswegs die besten. Das ist kein Widerspruch.

Es gab eine Zeit, da fuhren viele nach Landshut. Als Klaus Schlette und seine junge Schauspielergruppe 1970 vom Theater in Dinkelsbühl an das Theater in Landshut wechselten, wurde aus der vorher sehr im Verborgenen blühenden (und verblühenden) Provinzbühne rasch eine Art Wallfahrtsort. Ein Fluchtpunkt für Verbitterte: von München und seinen dahinsiechenden Großtheatern siebzig Kilometer und tausendundeine Nacht entfernt. Ein Theater, in dem man vom hohlen Prunk des alten Stadttheaters genauso weit weg war wie vom klugen Krampf des neuen. In Landshut spielte man, als gingen einen die Revolten, die Moden der Theaterkunst nichts an. Heiter, asketisch und mit einer Leichtigkeit, die nur das Ergebnis von Nachdenklichkeit sein konnte, erzählte man die alten, schwierigen Stücke auf der Bühne nach – ohne dabei je die eigenen Kräfte zu überschätzen. Ein Provinztheater, das sich nicht genierte, provinziell zu sein: so wurde Landshut zur Legende, zum Mythos.