Von Ernst Busche

Der Mönch in Caspar David Friedrichs Gemälde steht am Ufer in Einsamkeit, um ihn ist nichts als die verhangene Unendlichkeit des Meeres und des Himmels. Dieses Bild, Archetypus romantischer Weltsicht, hat in unseren Tagen ein Äquivalent gefunden in den Werken Mark Rothkos, der mit Überlagerungen von Farbfeldern, die gegeneinander abgesetzt sind und sich gleichzeitig durchdringen, eine ähnlich grenzenlos-schwebende Raumwirkung erzielt. Beide Künstler suchen in ihren Bildern das, was jenseits des Sichtbaren liegt: das Religiöse, Metaphysische, Spirituelle, Transzendente.

Der amerikanische Kunsthistoriker Robert Rosenblum hat das Bilderpaar an den Anfang seines Buches über die "Northern Romantic Tradition" in der modernen Malerei gestellt, und diese Zusammenführung ist jetzt auch in der Praxis nachzuvollziehen im Berliner Schloß Charlottenburg, wo in engster räumlicher Nähe zum Schinkel-Pavillon, das den "Mönch am Meer" beherbergt, in der Orangerie eine Ausstellung mit dem Titel "Zeichen des Glaubens – Geist der Avantgarde" nach den "religiösen Tendenzen in der Kunst des 20. Jahrhunderts" fragt. Im zentralen Eingangsraum hängen, das Thema zusammenfassend, einige Gemälde Rothkos, vor allem Arbeiten aus den letzten Lebensjahren vor seinem Freitod, als er die Farbigkeit auf ein dunkles Graubeige reduzierte. Die von Wieland Schmied konzipierte Schau ist die zentrale kulturelle Veranstaltung des 86. Deutschen Katholikentages; sie stellt den üblichen, wenig erfreulichen Ausstellungen moderner kirchlicher Kunst einen neuen Ansatz gegenüber: die Avantgarden der letzten 100 Jahre, von Gauguin und van Gogh bis Bacon und Beuys werden an Hand von etwa 250 Beispielen auf ihre religiös-spirituelle Thematik untersucht.

Überraschend ist zunächst die vielfältige Verwendung traditioneller kirchlicher Thematik, in erster Linie bei den symbolistischen und expressionistischen Malern von Maurice Denis und Ensor über Corinth, Dalf, Nolde, Barlach und Beckmann bis in unsere Tage hin zu Fuchs, Bacon und Hrdlicka. Die Themen werden jedoch nicht kirchlich-affirmativ, sondern – die Institution Kirche in Frage stellend – eher als Folie für die Schilderung des eigenen Lebens oder den Kummer der Welt verwendet. Neben dem Kreuz ist hier der Schmerzensmann, oft ein Selbstporträt des Künstlers, die häufigste Chiffre. Eine Umdeutung in aggressive Aktivität erfahren die Themen bei den Mexikanern Orozco und Siqueiros, ihr Christus zerschlägt sein Kreuz.

Die von Friedrich exemplifizierte Grundposition des modernen Menschen, der sich mit der Befreiung von der geistigen, Vorherrschaft der Kirchen weltanschauliche Eigen Verantwortung auflud, gilt für die abstrakten Künstler in noch stärkerem Maße als für die gegenständlichen. Sie sind noch weitgehender der romantischen Gleichsetzung von Kunst und Religion, von künstlerischem und göttlichem Schöpfungsakt verpflichtet: Die Suche nach dem Absoluten, der Transzendenz, ist im gegenstandsfreien Bereich offensichtlich eher gegeben. So sieht denn auch Wieland Schmied bei ihnen die Bestätigung der These, daß die Avantgarden der Moderne im graduellen Abstreifen der Realitätsbezüge gerade nicht ausschließlich sich selbst oder einem intellektuellen Formalismus verpflichtet sind, sondern durchaus Stellung nehmen zur conditio humana.

Die Entwicklung der Klassiker aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, von Malewitsch (der durch ein Kabinett mit suprematistischen Zeichnungen hervorragend vertreten ist), Kandinsky und Brancusi (leider fehlt Mondrian) wird in der Nachkriegszeit weitergeführt durch Yves Klein, Fontana, Tobey, Graubner, auch, im expressiven Bereich, durch Wols und Fautrier, und geht schließlich bis zu den Konzeptualisten de Maria und Opalka. Im Mittelpunkt dieser Gruppe stehen die beiden Amerikaner Rothko und Barnett Newman. In einem Ovalraum angeordnet, demonstrieren Newmans erstmals in Europa gezeigte "Stations of the Cross was Glaube heute sein kann: Umgeben von den Stationsbildern, die in ihrer zurückhaltenden, eher dunklen Farbigkeit dem späten Rothkos ähneln, hängt an Stelle des Altars die Tafel "Be", die Aufforderung zum Sein, zum Dennoch trotz des Zweifels.

Die Organisatoren der Ausstellung haben von allen Seiten in überraschendem Maß Unterstützung erfahren, ein Zeichen dafür, daß die Themen, die Versuche von Transzendenz und Sinnfindung, von nicht unerheblicher Bedeutung für uns sind. Die Institution Kirche, deren katholische Abteilung sich diese Ausstellung verschrieben hat, reagiert auf die von der Avantgarde gestellten Fragen in der Regel jedoch mit Hilflosigkeit und dem Klappern der Gebetsmühlen. Man kann ohne großes Risiko die Behauptung wagen, daß Künstler heute Wesentlicheres über unser Dasein aussagen als etwa die katholische Kirche. Die schmückt sich hier mit falschen Federn, denn die meisten Exponate sind, wenn nicht gegen sie, dann neben ihr entstanden. Das Titelpaar von Glaube und Avantgarde mutet im Zusammenhang mit dem Katholikentag etwas schief an. (Große Orangerie, Schloß Charlottenburg, bis 13. Juli; Katalog 25 Mark.)