In Nord- und Südamerika will der Medienkonzern neue Märkte erschließen

Von Heidi Dürr

Während der Frankfurter Buchmesse des Jahres 196S, als die Protestbewegung der Apo-Generation auf ihrem Höhepunkt war, fand im Restaurant "Palmengarten" nahe dem Messegelände eine Diskussion mit prominenten Verlegern statt. Gleich bei der Vorstellung, ehe sie überhaupt ein Wort gesagt hatten, wurden sie der Rehie nach ausgebuht – von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt über Klaus Piper bis Siegfried Unseld. Nur einer blieb ungeschoren: Reinhard Mohn, damals wie heute Chef des Medienkonzerns Bertelsmann im westfälischen Gütersloh. Grund für die Schonung: der Name des mächtigen, früher äußerst publicityscheuen Großunternehmers war in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt.

Das hat sich mittlerweile geändert. Nachdem sein Name und sein Bild regelmäßig in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen und Zeitschriften auftauchen und der Norddeutsche Rundfunk dem "Stillen Mensch von Gütersloh" ein großes Fernsehporträt widmete, wissen nicht mehr nur die Brancheninsider, daß Mr. Bertelsmann Reinhard Mohn heißt.

Die Gunst der Stunde

Je bekannter der Firmenchef wurde, um so unbekannter, weil immer unüberschaubarer, wurde freilich für die Öffentlichkeit sein Reich. Vor allem im letzten Jahrzehnt ist das Bertelsmann-Imperium durch Firmenkäufe und Firmengründungen im In- und Ausland dermaßen erweitert worden, daß Außenstehende kaum den Überblick behalten können. Mit 180 Firmen (1966 waren es erst dreißig) in fast allen Ländern Europas sowie Nord- und Südamerikas, etlichen Beteiligungsunternehmen, mehr als 26 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 4,7 Milliarden Mark im Ende Juni beendeten Geschäftsjahr 1979/80 hat sich Bertelsmann zum drittgrößten Medienkonzern der Welt entwickelt. Umsatzstärker sind zur Zeit nur noch die amerikanischen Multi-Media-Konzerne RCA und CBS. Das Firmenprogramm umfaßt heute Buch- und Schallplatten-Clubs (Umsatzanteil 33,5 Prozent), Buchverlage (11,6 Prozent), diverse Druck- und Industriebetriebe (17 Prozent), Musik-, Film- und Fernsehfirmen (9,3 Prozent) sowie einen der größten deutschen Zeitschriftenverlage, Gruner + Jahr in Hamburg (28,6 Prozent).

Begonnen hatte diese Entwicklung vor genau 145 Jahren mit der Gründung des C. Bertelsmann Verlags in Gütersloh, eines kleinen Unternehmens für religiöse Schriften, das sich freilich schon damals auf Bestseller verstand. Bereits 1838 hatte ein Buch mit dem Titel "Die kleine Missionsharfe" eine Auflage von zwei Millionen Exemplaren erreicht. Dennoch wuchs der Verlag nur langsam. 1921, dem Geburtsjahr Reinhard Mohns, hatte das Unternehmen 85 Mitarbeiter. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wuchs deren Zahl auf vierhundert.