Von Hans Kindemann

Tokio, im Juni

Japans Geschäftswelt ließ sich den Waffenstillstand in den Reihen der zerstrittenen Regierungspartei LDP etwas kosten. Fünf würdige Herren in dunklem Anzug stellten in einem kleinen Hotelzimmer ihre Bedingung: Fünf Milliarden Yen für die Wahlkassen, wenn die innerparteiliche Streitaxt bis zum kommenden Sonntag begraben bleibt. Die vier Parteivertreter auf der anderen Seite des Konferenztisches beugten ergeben ihr Haupt. Sie konnten den Geldsegen gut gebrauchen, denn noch nie war das Regiment der seit 25 Jahren im Sattel sitzenden Liberaldemokraten so gefährdet wie jetzt. Nach Ohiras plötzlichem Tod treibt die LDP, von Skandalen und Machtkämpfen zerrissen, führungslos dahin.

Im Augenblick läuft der seltsamste Wahlkampf in Japans Geschichte. Auch mit Ohira hätte die LDP nicht gewußt, wen sie dem Volk als neuen Ministerpräsidenten hätte anbieten sollen. Die Rede war von einer Übergangsfigur, die bis zu den parteiinternen Wahlen im Dezember vertrösten sollte, danach wäre dann der neue Parteivorsitzende, nach bisherigem Modus, automatisch auch Regierungschef geworden. Andere LDP-Führer wiederum wollten die Regeln ändern und die Parteienspitzen unter sich wählen lassen. Eine groteske Metzelei stand bevor. Da griffen Banken, Handel und Unternehmer vereint zu Japans wichtigster politischer Waffe – zum Scheckheft.

Doch auch die Wirtschaftskapitäne können nicht verhindern, daß niemand mehr weiß, unter wessen Führung die LDP den Wahlsieg erringen soll. Wird sich der alte, listenreiche Fukuda, der schon einmal Japans erster Mann war, wieder an die Spitze schwingen? Gewinnt der reiche, für Stimmenkauf berüchtigte Bauunternehmer Komoto die Führungsposition? Oder schafft es der smarte Nakasone, der sich mit seinen 61 Jahren als Vertreter der jungen Parteigeneration ausgibt? Die Wirren in der LDP sind nicht so gefährlich, wie sie scheinen. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums geht es ebenfalls drunter und drüber. In der reichlich locker gefügten Koalition aus Sozialisten, buddhistischer Sauberkeitspartei und demokratischen Sozialisten brechen täglich neue Querelen aus. Asukata, der Vorsitzende der Radikalsozialisten, sieht zwar die historische Chance, die politische Szene Japans zu verändern, wird aber von seinen neuen Verbündeten zu Kompromissen getrieben, die seine eigene Partei nicht ganz deckt. Über die von Artikel neun der Verfassung verbotenen Streitkräfte denkt man links jetzt pragmatisch, zumal die Armee ohnehin existiert. Auch die Kommunisten, die gern ins Wahlbündnis aufgenommen werden möchten, raten auf einmal zu Verteidigungsanstrengungen.

Was immer sich, vor oder nach der Wahl, als Programm dieser nur lose miteinander verbundenen Kräfte herausstellt: Vorerst ist der Wähler hilflos den plärrenden Lautsprecherwagen ausgeliefert, die nur die Namen von einzelnen Kandidaten durch die Straßen brüllen, aber kein Programm und keine Namen für das Amt des Ministerpräsidenten verkünden. Das japanische Wahlgesetz untersagt zwar Hausbesuche und Medienwerbung, aber Lautsprecherkriege unterbindet es nicht. So kommt es, daß zwei, drei politische Lager mit Lärm aufeinander losgehen, ohne dabei jedoch klarzumachen, wer nach ihrem Sieg mit welchem Konzept regiert. Dieser seltsame Fall war in der Verfassung nicht vorgesehen.