Erst hatte es den Anschein, als solle in der Bundestagsdebatte am und zum 17. Juni ausgerechnet die deutsche Frage die geringste Rolle spielen. Die weltpolitischen Krisen, die Kalamitäten in der Europäischen Gemeinschaft, die Gipfelkonferenzen und die kommende Moskau-Reise des Kanzlers standen im Vordergrund. Aber wie in der Sache, so hing dann doch auch in der Debatte das eine mit dem anderen eng zusammen. Daß ohne Lösung der globalen Probleme die deutsch-deutschen Beziehungen, auch wenn sie in der Krisenwüste gegenwärtig einer Oase gleichen, auf Dauer nicht blühen können, darin waren sich alle einig.

Richard von Weizsäcker von der Opposition schließlich war es, der dem deutschen Thema im engeren Sinne zu seinem vollen Recht verhalf – in einem nachdenklichen Beitrag, der die Debatte prägte. Auch da gab es viele Berührungspunkte zwischen den Parteien. Devisen gegen mehr Freizügigkeit: Das hätte, als innere Maxime der Bonner Deutschlandpolitik, ebenso aus Regierungsmund kommen können. So weit voneinander entfernt, das zeigt sich immer einmal wieder, sind die beiden Lager nicht, wenn man der Wirklichkeit und den Möglichkeiten, die sie bietet, auf den Grund geht und Gegensätze nicht mit Wahlkampf backen aufbläst.

Sonst freilich hatte die Szene viel Unwirkliches, wie meistens am 17. Juni. Während das Parlament debattierte und auch die Bundestagsverwaltung soweit Dienst tat, wie es der Parlamentsbetrieb notwendig machte, während das Bundesviertel leidlich belebt war, herrschte schon ein paar Straßenzüge weiter tiefe feiertägliche Stille. Auch in den Ministerien und übrigen Ämtern war, für alle Fälle, nur eine Art Notbesatzung zur Stelle.

Allein das Außenministerium, das Kanzleramt und die Stadt Bonn hatten in Grenzen zu tun, denn König Chalid von Saudi-Arabien, auf Staatsbesuch, trug sich am Dienstag ins Goldene Buch der Stadt ein, ließ sich das Diplomatische Corps vorstellen und war am Abend Gast des Kanzlers beim Staatsessen im Palais Schaumburg, dem alten Sitz der Regierungszentrale, der jetzt der Repräsentation dient. Doch auch dieser ganze Aufwand verlief sich in der Ruhe des freien Tages. Das politische Bonn, aktiv inmitten völliger Stille: Das nimmt sich fast wie ein Abziehbild jener Karikatur aus, zu der das Gedenkdatum weithin geworden ist.

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Nach dem 17. Juni haben sich die Parlamentarier wieder ihrer Alltagsarbeit zugewandt, die sich, wie immer vor der Sommerpause und nun auch vor dem Ende der Legislaturperiode, doppelt und dreifach häuft. Aber so rechte Lust, sich noch durch die Papierberge zu wühlen und Stunde um Stunde in den Beratungszimmern auszuharren, zeigt niemand mehr.

Besonders gilt das für die Unionsfraktion. Die Parlamentsmannschaft der Opposition noch auf Trab zu bringen, fällt immer schwerer, weil viele ihrer Mitglieder mit ihren Gedanken und oft auch leibhaftig ganz woanders sind – nämlich in ihren Wahlkreisen, in denen sich am 5. Oktober ja entscheidet, ob sie nach Bonn zurückkehren oder nicht. Zumal jene Unionsparlamentarier sind im Geiste oder auch in Person abwesend, die bei der letzten Bundestagswahl nur einen knappen Vorsprung vor ihren sozialdemokratischen Konkurrenten errungen haben und denen die Landesliste keine Absicherung verheißt. Da ackert man lieber vor Ort als in der Bundeshauptstadt. Ein Wahlsieg der SPD – er geht in der Unionsfraktion schon um wie ein Gespenst, und mehr als das.

Carl-Christian Kaiser