In der ZEIT Nr. 26 vom 29. Juni 1950

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß mit der Vervollkommnung des staatlichen Fürsorgeapparates und dem sogenannten sozialen Fortschritt beim einzelnen das Gefühl, für das Ganze und die anderen mitverantwortlich zu sein, ständig abnimmt. So liest man denn verhältnismäßig gleichgültig die Berichte über die jugendliche Arbeitslosigkeit; man sieht zwar, wie die Zahl der aus der Bahn geworfenen abseitsstehenden jungen Menschen anwächst – 400 000 waren es im vorigen Jahr, weit über eine halbe Million in diesem, und im nächsten wird die Zahl auf annähernd eine Million ansteigen – wem aber bereitet das schlaflose Nächte?

Wen geht das wirklich an? Wir zahlen unsere Steuern und gehen, wenn es verlangt wird, alle paar Jahre einmal mürrisch zur Wahlurne; alles andere überlassen wir dem Staat. Und was tut der Staat? Der Bundesarbeitsminister hat soeben erklärt, es sei beabsichtigt, "im Laufe des kommenden Herbstes ein positives Jugendprogramm aufzustellen". Wieso im Herbst, und warum nicht gleich? Wir haben das Recht, von den Männern, die wir gewählt haben, zu verlangen, daß sie dieses brennendste aller Probleme nun endlich in seiner ganzen Größe in Angriff nehmen. Einzelne Organisationen haben schon viel getan. Marion Gräfin Dönhoff