Der spanische Außenminister Marcelino Oreja legte seine Karten offen auf den Tisch. Madrid werde sich schon 1981 um die Mitgliedschaft in der Nato bewerben, so erklärte er am Wochenende, wenn es vorher sicher sei, daß zwei Bedingungen erfüllt würden: Integration Spaniens in die Europäische Gemeinschaft und Lösung des Dauerzwistes mit London um Gibraltar. Das eine – Nato-Mitgliedschaft – könne der Westen ohne das andere – EG-Beitritt – allerdings nicht haben: "Es wäre absurd zu glauben, daß Spanien der Verteidigungsorganisation eines Europa beitreten könnte, das nicht in anderen lebensnotwendigen Bereichen in Solidarität lebt."

Angesprochen, wenngleich nicht genannt, war damit der französische Präsident Giscard d’Estaing. Seine Bedenken gegen eine Erweiterung der Gemeinschaft – womit in erster Linie Spanien und seine landwirtschaftlichen Produkte gemeint waren – haben Madrid tief beunruhigt, so stark, daß sich die Regierung auf ein gefährliches Pokerspiel eingelassen hat. Denn so sehr die Spanier den Beitritt zur EG begrüßen – teils als Ausweis demokratischer Salonfähigkeit, teils in übertriebener Hoffnung auf materielle Vorteile –, so unbeliebt ist die Nato. Diese Abneigung reicht über die Opposition hinaus, die schon Front gegen solche Pläne gemacht hat, bis weit in das spanische Offizierskorps. Europa – ja; Nato – nein. Mit dieser Überzeugung muß die Regierung rechnen; daß sie jetzt das Ungeliebte für das Gewünschte verspricht, beweist ihre Furcht vor dem französischen Widerstand.

Es liegt nun an den Neun, dieses mutige Angebot mit zügigen Beitrittsverhandlungen zu honorieren, zumal eine unverhofft rasche Dreingabe Madrids winkt. Spanien in die Nato einzubeziehen, wäre ja eine seit langem gewünschte und schon oft diskret sondierte Stärkung des Bündnisses. Die Gemeinschaft sollte aber auch die Kehrseite der Offerte bedenken. Aus finanziellen Erwägungen und zum Erhalt französischer Vorteile das doppelte Angebot auszuschlagen, hieße mehr, als eine Madrider Regierung zu desavouieren. Ganz Spanien würde es als Ohrfeige empfinden. H. B.