Der italienische Zweiradhersteller Piaggio profitiert weltweit von der Energiekrise

Nach dem letzten Krieg blieben nur noch 150 000 Quadratmeter zerbombte Werksanlagen und der Höhenrekord für Flugzeuge mit Kolbenmotor. Den Höhenrekord hält die italienische Firma Piaggio heute noch, und die Fabrikanlagen im Hauptwerk Pontedera bei Pisa sind inzwischen wieder errichtet worden – doppelt so groß wie damals. Aber Flugzeuge werden nicht mehr gebaut.

Heute rollen bei Piaggio Zweiräder von den Bändern – fast jedes zweite ist ein Motorroller vom schon legendären Typ "Vespa". Weil Benzin immer teurer wird, ist die über dreißig Jahre alte Konstruktion wieder zu einem Renner geworden. Mit Hilfe der rundlich-handlichen "Wespe" könnte Piaggio in diesem Jahr sogar an Yamaha vorbeifahren, dem drittgrößten Hersteller der Weltzweirad-Industrie nach Honda und Suzuki.

Die Vespa, derzeit auf dem Weltmarkt als Motorroller fast konkurrenzlos, entstand 1946 als Verlegenheitslösung, denn Flugzeuge konnte man nicht mehr bauen. Ähnlich wie beim deutschen Luftfahrtunternehmen Messerschmitt, das einen Kabinenroller als sparsames Nachkriegsfahrzeug entworfen hatte, dachte man bei Piaggio daran, einen "fahrbaren Untersatz" für Verbraucher zu schaffen, denen ein Motorrad zu schmutzig und ein Auto zu teuer war.

Die Erfahrungen aus dem Flugzeugbau erwiesen sich als gut verwendbar: Als Vespa entstand ein origineller Motorroller mit selbsttragender Karosserie, einseitig aufgehängtem Vorderrad – wie beim Bugrad des Flugzeugs – und Direktantrieb auf dem Hinterrad.

Die Vespa setzte sich auf dem Weltmarkt schnell durch. Bald verschwanden die meisten kleineren Konkurrenten – so auch der Heinkel-Roller aus Deutschland. Nur ein starker Gegenspieler blieb: die Lambretta. Sie wurde in dem Mailänder Vorort Lambrate am Fluß Lambro von der Innocenti-Gruppe gebaut. Der "heiße Streikherbst" mit seinen Folgen setzte jedoch Innocenti Anfang der siebziger Jahre derart zu, daß er erst seine Maschinenfabrik, dann die Lambrettafertigung und zum Schluß die Lizenzproduktion von Leyland-Autos aufgeben mußte. Die Lambretta starb freilich nicht ganz. Die Werkseinrichtungen wurden nach Indien verkauft, und noch heute bauen Fabriken in Asien und Spanien diesen Typ weiter.

Unterdes mauserte sich die Vespa dank stetiger Verbesserungen zu einem Fahrzeug, dessen Fortschritt in Technik und Formgebung schwer aufzuholen ist. Wenn Piaggio heute mit 13 000 Beschäftigten der größte Motorroller-Hersteller der Welt ist und auf dem Globus sieben Millionen Vespas herumschwirren, dann dankt sie das aber auch der Göttin Fortuna, die gerade zur rechten Zeit, nämlich mitten in die Zweiradkrise der siebziger Jahre, die Ölverteuerung hineinplatzen ließ.