In seiner Rede beim Staatsakt zur Eröffnung der Ausstellung Wittelsbach und Bayern erteilte der bayerische Ministerpräsident den geschichtslosen oder die Geschichte vergewaltigenden linken Gesellen wieder einmal eine Lektion über den richtigen Umgang mit derselben. "Die Bereitschaft zur Geschichte ja zu sagen", so Franz Josef Strauß (zitiert aus dem an die Presse verteilten Manuskript), "sie kennenzulernen und – wenn möglich – Lehren aus ihr zu ziehen", gehöre "zum Wesenselement eines konservativen Politikers, der sich an eine überzeitliche Weltordnung gebunden weiß und deshalb befähigt ist, geschichtliche Erfahrung und sich wandelndes Weltbild ständig in ihrem Zusammenspiel zu sehen".

Die Armspange, die vielleicht Kaiser Friedrich Barbarossa getragen hat, der Herrscher, der den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach 1180, vor 800 Jahren also, mit der bayerischen Herzogswürde belehnte, ist ein bedeutendes Kunstwerk, Die zeitgenössische Handschrift, in der ein Chronist das Datum der Belehnung vermerkt hat, ist vergleichsweise unscheinbar, aber das historisch wichtigere Dokument. Wittelsbach und Bayern, die Ausstellung zum Jubiläum, ist eine historische Schau, in der immer wieder glanzvolle Kunstwerke veranschaulichen müssen, wovon die Urkunden nur berichten. Kunstwerke sind nun einmal die auratischen Gegenstände, die Unternehmen dieser Art attraktiv machen, obschon sie im Sinne der Veranstalter vor allem als Illustration von Geschichte nützlich sind.

Die Geschichtsauffassung des Ministerpräsidenten brauchte nicht weiter zu interessieren, spiegelte sie sich nicht in dem "den Drang der Bayern nach Selbstdarstellung" befriedigenden Unternehmen. Wittelsbach und Bayern, eine Ausstellung in drei Teilen, die nicht die ganzen siebeneinhalb Jahrhunderte der Herrschaft dieser Dynastie umspannt, sondern nur drei markante Abschnitte heraushebt, geht aus von der durch die überzeitliche Weltordnung garantierten, in der Geschlechterfolge des Fürstenhauses sichtbaren Kontinuität der bayerischen Geschichte, die sich, der Gedanke drängt sich auf, bis in die unmittelbare Gegenwart fortsetzt.

"Die Vergangenheit", so noch einmal Franz Josef Strauß, wird "in der Verfügung des Verständigen zum Kompaß". In welche Richtung aber segelt man mit diesem Kompaß? Ein Rundgang, durch die Ausstellung gibt Hinweise. Auf der Burg Trausnitz in Landshut ist die "Zeit der frühen Herzöge" zu besichtigen von Otto I., der 1180 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa mit der Herzogswürde belehnt wurde, bis zu Ludwig dem Bayern, der 1328 zum Kaiser gekrönt worden war.

Um "Glauben und Reich" geht es in der Münchner Residenz. Zentrale Figur ist hier Kurfürst Maximilian I., der während der nur durch Winterpausen unterbrochenen Dauerschlächterei, genannt Dreißigjähriger Krieg, wie man so schön sagt, Bayerns Geschicke lenkte und dabei den wahren Glauben verteidigte. Im Münchner Völkerkunde-Museum schließlich wird das Entstehen des modernen Bayern vorgestellt, das König Max I. Joseph und sein Staatsminister Montgelas als einen liberalen, aber zentralistisch regierten Staat konzipiert hatten. Allfällige Parallelen zu heute kann jedermann sich selber aussuchen.

Für diese großangelegte und aufwendige Inszenierung der Vergangenheit hat man weder Kosten noch Mühe gescheut (der Etat für die Hauptausstellungen beläuft sich auf 4,5 Millionen Mark, hinzuzurechnen ist noch knapp eine Million Mark für die in mehreren Exemplaren durch die bayerischen Lande reisende didaktische Ausstellung). In nüchternen Zahlen ausgedrückt: der Besucher hat Gelegenheit, rund 2700 Ausstellungsgegenstände zu bewundern, die in drei Katalogbänden auf insgesamt 1800 Seiten beschrieben sind. Falls er, was bei der Überfülle des Materials leicht möglich sein könnte, den Überblick verliert (oder erst gar nicht gewinnt), stehen ihm drei weitere Aufsatzbände mit über 1500 Seiten Text und Abbildungen zur genaueren Information zur Verfügung. Alles in allem knapp zehn Kilogramm Katalog für 99,80 Mark – genügend Lektüre also bis zum nächsten Jubiläum der Wittelsbacher. Helmut Schneider