Irans Außenminister und die Sozialistische Internationale: Ein Silberstreif wird poliert

Von Nina Grunenberg

Oslo, im Juni

Der einsamste Mensch während der dreitägigen Vorstandssitzung der Sozialistischen Internationale vergangene Woche in Oslo war ein amerikanischer Fernsehreporter. Auch ihn hatte die Nachricht vom Auftritt des iranischen Außenministers Ghotbzadeh vor der Crime der europäischen Sozialisten nach Norwegen gelockt. Aber ihn interessierte weder Willy Brandt noch Olof Palme, weder Bruno Kreisky noch Felipe Gonzales, weder Mario Soares noch Joop den Uyl. Er hatte nur eine einzige Frage im Kopf, und er stellte sie stur einem jeden, den er vor seine Kamera ziehen konnte: Würde die Iran-Initiative der Sozialistischen Internationale den 53 amerikanischen Geiseln helfen, die seit dem 4. November 1979 – seit fast acht Monaten – in der Gewalt der iranischen Studenten sind?

Dem Amerikaner nützte es wenig, daß er womöglich die einzige belangvolle Frage stellte – in Oslo war sie die falsche. "To hell with the American hostages"‚ hatte der iranische Außenminister einen österreichischen Fernsehmann angefahren, der ihn ebenfalls mit Fragen nach dem Schicksal der Geiseln bedrängte: "Zum Teufel mit den amerikanischen Geiseln." Außer dem amerikanischen TV-Reporter sahen am Ende schließlich alle ein, daß die Geiselfrage für die Dauer der Sitzung tabuisiert war. Ghotbzadeh wollte über andere Dinge reden. Er befand sich damit durchaus im Einklang mit seinen Gastgebern bei der Sozialistischen Internationale, die in Oslo Regie führten. In der norwegischen Hauptstadt standen die Leiden des iranischen Volkes auf dem Plan, nicht das Schicksal der Geiseln. Ein Mitglied der österreichischen Delegation: "Die Iraner dürstet nach internationaler Genugtuung, auch wenn sie spät kommt. Sie sehen sich als entkolonialisiertes Volk und wollen 25 Jahre Fremdherrschaft öffentlich anerkannt haben. Aus ihrer Sicht sind die Geiseln im Vergleich dazu nur eine Bagatelle."

Wer reitet auf dem Tiger?

Nicht anders erklärte es Ghotbzadeh den Journalisten: "Niemand hat sich bis heute die Mühe gemacht, sich mit den wirklichen Problemen im Iran zu befassen und genau hinzusehen, was eigentlich passiert ist. Statt dessen konzentriert sich alle Welt auf die Freilassung der Geiseln und auf die Verletzung des Völkerrechts – so als ob internationales Recht von den Vereinigten Staaten, von der Sowjetunion und von einigen anderen im letzten Jahrzehnt nicht pausenlos verletzt worden wäre. Wie das iranische Volk in den letzten fünfundzwanzig Jahren von Amerika unterdrückt wurde, wie es gelitten hat – das wurde nicht zur Kenntnis genommen."