Der Seelsorger im Benediktinerkloster – Seite 1

Jimmy Carter machte den Partnern Mut, aber die Zweifel an seiner Führungskunst sind nicht verschwunden

Von Dieter Buhl

Venedig, im Juni

Die Regie, die den Sieben hehre Distanz zu den Medien verordne hatte, klappte auch beim Schlußakt im Palazzo Abrazzi. Was fast zwei Tage lang vor der prächtigen Kulisse der Lagunenstadt in der Idylle der Konferenz-Insel San Giorgio als Stummfilm inszeniert worden war, endete folgerichtig mit den Monologen der Hauptdarsteller. Ungestört durch lästige Fragen hielten sie sich an das Skript: Gemeinsam deklamieren, Übereinstimmung bei wichtigen Zieles verkünden – und (wenn es sich nicht vermeiden läßt) erst später getrennt räsonieren. Es bot sich ein Bild der Eintracht; das bei genauerem Hinsehen tiefe Risse offenbarte.

Dissonanzen waren vorher schon durch die dicken Mauern des Benediktinerklosters vom Heiligen Georg gedrungen, auf Umwegen und gefiltert durch die nationalen Interpreten. Beim Abgesang der Staats- und Regierungschefs ließ sich im diskreten Originalton ermessen, wer sich wem besonders verbunden fühlte, und wer welche Schwerpunkte setzte. Dabei erwies sich Jimmy Carter wieder einmal als Einzelgänger.

Er allein beschwor die Gefahren für die westliche Sicherheit. Er mahnte bei den Verbündeten eine entschlossene Haltung gegenüber der "brutalen Invasion" Afghanistans an. Er erinnerte an "die Bürde der Freiheit".

Die anderen nutzten ihre fünf Minuten Redezeit zu prosaischeren Reden. Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt tauschten Komplimente aus, und Margaret Thatcher versuchte sich als Dritte im Bunde, indem sie die wirtschaftliche Situation der Bundesrepublik lobte. Carters Kollegen unternahmen nicht außenpolitische Höhenflüge, sondern konzentrierten sich in ihren Gipfelbilanzen auf die wirtschaftlichen Rezepte (siehe auch Rudolf Herlt auf Seite 16), von denen sie zu Hause den meisten Gewinn versprechen. Mit der Gelassenheit eines unabhängigen Geistes ging der kanadische Premier Trudeau gar so weit, die anderen zu fragen, ob sich die Siebener-Konferenzen in Zukunft nicht besser wieder ganz auf die Behandlung von Wirtschaftsfragen konzentrieren sollten.

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Wirtschaft oder Weltpolitik?

Aber trafen sich die Vertreter der wichtigsten Länder in Venedig nicht zu ihrer ersten Begegnung nach der afghanischen Zäsur? Ging es nicht darum, eine gemeinsame Abwehr der sowjetischen Herausforderung zu organisieren? Sollte nicht Jimmy Carter, wie die amerikanische Presse es verlangte, am Canale Grande endlich seine Führungskraft beweisen? So düster war der Horizont, so dringend die Erwartung, daß unter Verleugnung seiner Ressortinteressen selbst Bundeswirtschaftsminister Lambsdorff konstatierte: "In dieser Situation darf natürlich nicht nur über Wirtschaftsinteressen geredet werden."

Doch zum Schluß ging es dann doch um Business as usual. Das geschah wohl auch deshalb, weil die Wirtschaftsprobleme im Innern mindestens so bedrohlich erscheinen wie die Gefahren von draußen. Die Schwüre der Sieben, drastisch Öl zu sparen, die Kernkraft zu fördern und die Inflation einzudämmen, nannte der Kanzler dann auch keinen "Schmus", wie er auf einer Pressekonferenz "verabreicht wird", sondern Ergebnis "einer wichtigen Veranstaltung".

Die Frage bleibt: Warum eigentlich sollen die Verpflichtungen von Venedig ernster genommen werden als die Erklärungen der vorangegangenen Gipfeltreffen? Schließlich haben die "Sherpas", die Beamten der Teilnehmerländer, auch für die Kommuniqués der früheren Gipfel immer beeindruckende Formulierungen zusammengetragen. Gemeinsame Anstrengungen zur Überwindung der wirtschaftlichen Übel waren auch schon häufiger versprochen worden. Erfüllt wurden, wie die Geschichte beweist, jedoch nur wenige der Ankündigungen.

  • Beim ersten Gipfel in Rambouillet verkündeten die Staats- und Regierungschefs 1975: "Die demokratischen Industrieländer sind entschlossen, hohe Arbeitslosigkeit, anhaltende Inflation und schwerwiegende Energieprobleme zu überwinden." Der gute Wille half indes nicht viel. Die Rezession verschwand auch ohne die Gesundbeterei von Rambouillet, und beim Ölverbrauch leistete sich der Westen mehr Großzügigkeit als zuvor.
  • Vom Treffen in Puerto Rico im Jahr darauf profitierte vor allem der amerikanische Präsident Ford. Er konnte im Wahlkampf mit der Rückenstärkung seiner Gipfelkollegen energisch gegen die Inflation in seinem Lande antreten. Genutzt hat es Ford nicht viel, denn statt seiner wurde Jimmy Carter gewählt.
  • Bei ihrer Begegnung in London einigten sich die großen Sieben darauf, den Protektionismus zu bekämpfen. Sie Haben sich seither weitgehend daran gehalten.
  • Im Jahre 1975 versprachen die Bundesrepublik und Japan zum Nutzen der anderen ihre Wirtschaft anzukurbeln, wenn Amerika gleichzeitig seinen Ölverbrauch einschränke. Die beiden Musterknaben der Weltwirtschaft erfüllten ihr Versprechen, Amerika nur mit Maßen.
  • In Tokio setzten sich die Industrieländer Werte für eine Begrenzung ihres Ölimports. Weil sie wegen ihres reduzierten Wirtschaftswachstums weniger Energie benötigten, konnten sie das Limit weitgehend respektieren.

Viel Aufwand, wenig Ergebnisse – darauf könnte eine Bilanz hinauslaufen. Aber die Gipfel bieten mehr als bloß Gelöbnisse gemeinsamen Handelns. Sie verschaffen auch Alibis für den Hausgebrauch. Wer im eigenen Lande gegen den Protektionismus und gegen inflationierende Lohnforderungen wettert oder, wie Schmidt, die Kernkraft fördern will, bekommt zusätzliche Argumente, wenn er auf die Verabredungen des Kollektivs verweisen kann.

In Venedig ist die Palette der Wirkungsmöglichkeiten diesmal noch erweitert worden. Erstmals ging es auf der weltpolitischen Wanderbühne um mehr als Alltagssorgen. Der Gipfel wurde zur moralischen Anstalt. Im Wust der Verlautbarungen verloren sich zwar die Klagen der Sieben über den weltweiten Hunger und ihr Appell an die Schuldigen der Flüchtlingsströme; Klagen und Appelle blieben Zeugnisse einer verlegenen Humanität. Aber wer, wenn nicht die reichen Demokratien, hat das Recht und die Pflicht, Ungerechtigkeiten auf dem Globus anzuprangern? Ein bißchen Missionsarbeit müssen die Sieben schon leisten. Sonst könnten sie leicht degenerieren: zum feudalen Klub, der nur am eigenen Wohlstand und der eigenen Sicherheit interessiert ist.

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Um dies zu verhindern, versuchte Jimmy Carter, die Diskussion auf eine höhere Ebene zu verlagern. Halb Missionar, halb Wahlkämpfer – so sprach er den Gipfelpartnern Mut zu und erinnerte sie an ihre Stärke. Und wenn er auch als Führer des Westens wenig überschwengliches Lob erntete, als Seelsorger der Nato erzielt er immer noch Wirkung. Ein Schuß von Optimismus, wie er ihn verabreichte, tat dem Gipfel wohl. Andererseits ließ sich freilich nicht übersehen: Jimmy Carter selber war ein wesentliche Anlaß zu gedämpfter Stimmung. Sein erschüttertes Ansehen rief nicht nur den Spott der Venezianer über die ungelenken Manöver der US-Flotte hervor, die den Präsidenten, heftig mit den Wellen kämpfend, zur Konferenz-Insel brachte. Um die Schwäche des Präsidenten rankten sich auch Witze wie dieser, der auf der Isola di San Giorgio immer wieder die Runde machte: Zwei Weihnachtsmänner stehen an der Ecke. Welcher von ihnen ist Carter? Antwort: Der mit den Ostereiern in der Hand.

Bedrohliche Entfremdung

Was die Witze nur andeuteten, offenbarte sich bei den Verhandlungen in der Klosterbibliothek und bei den bilateralen Randgesprächen. Die Entfremdung zwischen Amerika und seinen europäischen Verbündeten hat bedrohliches Ausmaß angenommen. Dort der ungeschickte Präsident und seine allzu forschen Ratgeber, die sich noch am Maßstab amerikanischer Allmacht orientieren, hier die Staatsmänner, deren Selbstbewußtsein auch überzeugte Europäer zittern lassen kann. Ein Übermaß an Harmonie war unter diesen Umständen nicht zu erwarten. Obwohl die historischen Etiketten für Gipfel immer wohlfeil und, wie sich nachher herausstellte, meist nur zum halben Nennwert zu nehmen sind, läßt sich deshalb die Vorhersage wagen: Das Treffen von Venedig könnte als der bisher sichtbarste Versuch Europas in die Geschichte eingehen, sich von Amerika zu emanzipieren.

Deutlichsten Anschauungsunterricht lieferten die gegenwärtigen transatlantischen Spannungen und der Streit, der zwischen Bundeskanzler und Präsident entbrannt ist. Als alles vorüber war, verkündete Helmut Schmidt kurz und knapp: "Der Brief ist beiderseits für gegenstandslos erklärt worden."

Die Gründe aber, aus denen Jimmy Carter Bonn mit barschem Ton an die Einhaltung der Brüsseler Nachrüstungsbeschlüsse vom vergangenen Jahr erinnerte, blieben auch danach im dunkeln. War Jimmy Carter amerikanischen Presseberichten über eine vermeintliche Wankelmütigkeit der Deutschen bei der Aufstellung von Mittelstreckenraketen aufgesessen? Nutzte er die Post, um sich vor seinen Wählern als entschlossener Primus im westlichen Bündnis, zu profilieren? Wollte er nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch andere Alliierte noch einmal an die Nachrüstungs-Kandare legen?

"Wir mußten den Brief schreiben", behauptete Carters Pressesprecher Powell, "um in Europa Klarheit zu schaffen." Warum das Schreiben in einem Stil abgefaßt war, in dem wohl mitunter die Sowjetunion mit ihren Satelliten verkehrt, erklärte Powell jedoch nicht.

Der Disput von Venedig war keine Ausnahme. Beruhigungsgespräche zwischen Jimmy Carter und Helmut Schmidt gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der Gipfel. Die Spannungen zwischen den beiden Politikern sind offenbar immer dann am stärksten, wenn das jährliche Siebener-Treffen bevorsteht. In London, in Bonn, in Tokio – jedesmal schien es, als seien wichtige Unstimmigkeiten auszuräumen. Der Verdacht könnte aufkommen, daß die Streitigkeiten nur als eine Nebenwand für deutsch-amerikanische Zweiergipfel vor den Plenarsitzungen herhalten müssen. Oder kehrt der Zwist wirklich mit. der Regelmäßigkeit von Jahreszeiten wieder?

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Diesmal erübrigte sich die Frage, denn in Venedig war die dicke Luft zum Greifen. "Candid" – "Unverblümt" – nannte Klaus Bölling die Tonlage der Zweierbegegnung. Und der Sprecher der Bundesregierung ließ keinen Zweifel daran, daß der Kanzler seinen Unmut über das kränkende Schreiben offen kundgetan habe.

Um alle Welt vom .wiederhergestellten Einvernehmen zu überzeugen, nahm der Präsident den Kanzler nach dem Wortwechsel bei der Hand. Ihre Außenminister wollten noch deutlichere Friedenszeichen setzen und hakten sich unter. Bei Muskie und Genscher mag die Geste von Herzen gekommen sein. Für die Gunstbezeugungen der beiden anderen Herren gibt es keine Garantie der Dauerhaftigkeit.

"Carter und Schmidt senden nun einmal nicht auf derselben Welle", stöhnte ein hoher deutscher Delegierter. Er plauderte damit kein Geheimnis aus. Dabei belasteten nicht so sehr persönliche Animositäten, sondern konzeptionelle Unterschiede ihr Verhältnis. Helmut Schmidt hat gewöhnlich keine Schwierigkeiten im Umgang mit Amerikanern. Hingegen fällt es Jimmy Carter offenbar schwer, die politischen Kategorien nachzuvollziehen, in denen die Europäer seit Jahrhunderten denken. Für in gilt in der Außenpolitik anscheinend nur die Parole "Freund oder Feind". Deshalb geriet die europäische Haltung gegenüber der Sowjetunion nach Afghanistan im Weißen Haus wohl auch in den Geruch, von Machiavellismus oder gar Feigheit’ bestimmt zu sein.

Trotz der amerikanischen Vorbehalte gelang es dem Kanzler, seine Moskau-Reise auch von Jimmy Carter absegnen zu lassen. Geistesgegenwart half ihm dabei. Beinahe hätte er seine Nachhilfestunde über die friedenssichernden und humanitären Motive der deutschen Ostpolitik im allgemeinen und des Kreml-Besuchs im besonderen, die ohnehin nur an einen Adressaten gerichtet waren, umsonst abgehalten. Unmittelbar danach wollte sich Jimmy Carter nämlich zu einem Gespräch mit Giscard begeben. Nur des Kanzlers schnelle Frage – "Jimmy, was halten Sie denn von dieser Rede? – zwang den Präsidenten, Farbe zu bekennen: "Meiner Meinung nach war es eine sehr gute Erklärung."

Eindeutige Worte

In die Freude über das widerwillige Plazet mischte sich bei manchen freilich auch Nachdenklichkeit. Während des langen Wartens im Schatten des Klosterhofes hatten die Gipfelbeobachter Gelegenheit, darüber zu diskutieren, welchen Erfolg es für den Westen haben kann, wenn in einer kritischen Phase wie dieser vornehmlich mittlere Mächte den Umgang mit der Sowjetunion pflegen. Erst spricht Giscard in Warschau mit Breschnjew, dann kündet ihm der Kreml brieflich einen Teilabzug seiner Truppen an, jetzt fährt der Bundeskanzler nach Moskau. Entsteht da nicht die Gefahr, fragten selbst Amerikaner, die nichts von ihrem Präsidenten halten, daß der Westen auseinandermanövriert wird? Werden da nicht die Gewichte zugunsten der Sowjets verschoben?

Auf der Insel San Giorgio wurden diese Sorgen teilweise entkräftet. Breschnjews überraschende Mitteilung über die Reduzierung der Besatzungstruppen brachte auch die letzten Zauderer auf Vordermann. Selbst Helmut Schmidts Forderung, die Sowjets mit der Bemerkung zu weiteren Truppenabzügen zu ermuntern, "dies ist ein Schritt in die richtige Richtung", fiel dem Rotstift zum Opfer. Die Konferenz beschränkte sich vielmehr darauf, die Verdünnung der sowjetischen Streitkräfte zur Kenntnis zu nehmen, darüber hinaus aber klipp und klar festzuschreiben: "Die sowjetische Okkupation Afghanistans ist unannehmbar. Wir sind entschlossen, sie auch in Zukunft nicht zu akzeptieren."

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Eindeutige Worte wie diese sollten den Zweifel an der westlichen Geschlossenheit in der Afghanistan-Frage fürs erste beseitigen. Wer sich, dennoch um die Wehrhaftigkeit der industriellen Demokraten sorgte, konnte Trost in der symbolträchtigen Geschichte Venedigs finden. Auch die Überlebenskünstlerin unter den Städten ist oft durch Zwietracht in ihrer Widerstandskraft gelähmt worden. Doch wenn es darauf ankam, standen die Venezianer zusammen. Wie diesmal, als sie die Großen des Westens ungelenk per Flugblatt aufforderten: "Fragen Sie die Politiker in Rom, wo das Geld ist, daß die Welt für Venedig gegeben hat."

So weit geht der Drang nach Wahrheitsfindung im westlichen Lager natürlich nicht...