Von Margrit Gerste

Zum Nachmittagstee mit seiner Frau ist Hänschen Frömming jetzt meist zeitig zu Hause. Die beiden leben in einer geräumigen Wohnung in Hamburgs schönster Gegend – an der Außenalster. Und neben gediegenen Antiquitäten ist nicht zu übersehen, daß Hänschen Frömming ein erfolgreicher Mann war, ja, der Weltbeste in der Zunft der Trabrennfahrer: In einer Glasvitrine häufen sich Silbertrophäen und Goldpokale, lebensnahe Plastiken schöner Traber, die in Frömmings Hand zu den Schnellsten wurden, Photos, die nur die größten Siege auf den Rennbahnen von Mailand und Stockholm, Berlin und Paris, Hamburg und New York dokumentieren – lorbeerbekränzte Pferde, ein jubelndes Publikum, ein immer strahlender Frömming.

Dazwischen auch Begegnungen, die den kleinen Mann mit großem Stolz erfüllt haben: Eine Plauderei mit Walter Scheel beim Derby in Berlin-Mariendorf, das Bundesverdienstkreuz von Heinemann und, schon fast vergilbt, ein Händedruck von Reichspräsident von Hindenburg aus dem Jahre 1931. Der alte Herr fragte damals den 1,60 Meter großen Trabrennfahrer ungläubig: „Ja können Sie die Pferde denn überhaupt halten?“

In der Sammlung schöner Reminiszenzen, die jeden Traberfreund entzücken müssen, fehlt auch nicht das zierliche Hufeisen der amerikanischen Traberkönigin Eileen Eden oder der Sturzhelm, den Frömming trug, als er mit Ozo, die die Franzosen liebevoll „Mademoiselle Nationale“ nannten, in New York den Challenge Gold Cup gewann – als absoluter Außenseiter vor sämtlichen amerikanischen Superstars. Einer dieser Superstars war die Traberstute Elma. Für ein Jahr schickte ihr Besitzer sie zu Frömming nach Europa. 600 000 Mark gewann er in diesem einen Jahr mit ihr! Und als sich die schnelle Elma von ihrem begeisterten New Yorker Publikum verabschieden mußte, um in die Zucht zu gehen, da wurde zu diesem Zweck eigens ihr Fahrer aus dem alten Europa eingeflogen.

Am 28. Juni wird Hänschen, der eigentlich Johannes heißt, aber niemals so genannt wurde, 70 Jahre alt. Doch bevor er feiert, wird er noch schnell ein Gastspiel in Triest geben. „Frömming gegen Rousell“ (ein französischer Champion) lautet die Attraktion des Renntages. Die Italiener lieben Hänschen heiß und innig, seit er vier Jahre lang in Mailand zwei große Privatställe trainierte und auch hier zu den Besten zählte. Im Schnitt gewann er dort mehr als jedes zweite Rennen, an dem er teilnahm. Auf die phantastische Zahl von 5522 Siegen hat es Frömming in seiner Karriere gebracht, und immer noch will er nicht aufhören. Siebzig Jahre alt wird er, aber er ist kein bißchen alt. Er ist immer noch der kleine, feine Herr mit dem klugen Kopf und den feingliedrigen Händen, die die ihnen anvertrauten, Pferde „weich“ führen, niemals im Maul oder mit der Peitsche traktieren. Denn er liebt nicht nur den Erfolg (schon als Lehrling schwor er sich: „Ich werde Champion!“), sondern vor allem seine Pferde – niemals hat er ihre Kräfte sinnlos ausgebeutet, sondern immer klug kalkuliert und im entscheidenden Moment – meist – richtig eingesetzt. Auf den Instinkt der „Intelligenzler“ unter den Trabern hat er vertraut, die Schwierigen, die „Verrückten“ und die „Verbrecher“ – wie sie in der Trabersprache heißen – hat er mit Geduld und freundlicher List zum Laufen gebracht. Und was sein Publikum ihm besonders hoch anrechnet: Er hat es nie betrogen – keine Selbstverständlichkeit in einem Sport, in dem es um viel Geld geht.

Und heute? „Gar nichts tun liegt mir nicht“, sagt er. So ist er immer pünktlich „zwischen 7.25 und 7.30 Uhr“, Tag für Tag, in seinem blitzblanken Stall auf der Trabrennbahn Hamburg-Bahrenfeld (sommers zwischen fünf und halb sechs) – genau wie vor 56 Jahren, als er als Lehrling auf der Bahn von Ruhleben in Berlin begann. Mit Pferden war er aufgewachsen, beim Großvater, der ein Fuhrunternehmen besaß, auch ein paar Traber laufen hätte und Amateurfahrer war. Und wenn Hänschen sich mit seinen Schulfreunden vergnügte, dann lautete die Frage: „Spielen wir heute Galopper oder Traber?“

Doch ihm mit seinen 1,56 Meter und 46 Kilo Gewicht eine Lehrstelle zu verschaffen, war gar nicht so einfach. „Das wird nix!“ winkte der Trainer ab, doch Hänschen schwor „nun gerade!“ Er konnte zwar nicht einmal allein die 29 Kilogramm Blei in den Sulky wuchten, um auf das vorgeschriebene Gewicht von 75 Kilo zu kommen – aber gleich im ersten Rennen seines Lebens wurde er Zweiter – und im zweiten Sieger, nach der goldenen Regel: Man nehme immer möglichst den kürzesten Weg.

In seinem Buch „5000 Trabersiege – ein Leben im Sulky“ schreibt Frömming über diesen allerersten Sieg, der trotz seiner internationalen Triumphe der Schönste für ihn geblieben ist: „Ich hatte keine sehr gute Position erwischt. Nerven behalten – Nerven behalten! Ich predigte es mir selber vor und bemühte mich um einen klaren Überblick und Ruhe.“

Trotzdem: Zunächst traute man „dem Kleinen“ nicht viel zu. Nur wenige Besitzer wollten ihm ihre Traber anvertrauen. Doch 1933 hatte er es geschafft: Er fuhr seinen ersten Derbysieg heim. 1934: Deutscher Champion vor dem großen Charlie Mills, dessen Ruhm über Jahre unerreichbar schien. 1935 brach Hänschen Frömming zum erstenmal einen Weltrekord: Er gewann an einem Tag im Februar alle Rennen in Ruhleben, sieben an der Zahl. „Auf der Tribüne spielte sich Unbeschreibliches ab“, erinnert er sich, und in der Deutschen Traber-Zeitung war zu lesen: „Von diesem Hans Frömming kann man jederzeit alles erwarten. Seine phantastische Laufbahn läßt nichts unmöglich erscheinen. Mit seiner kleinen Figur ist er im Trabersport schon eine seltene Erscheinung, mit seinen Leistungen ist er jedoch noch viel mehr eine Ausnahme. Mit 22 Jahren gewann er das Derby, mit 23 wurde er Champion, mit 24 stellte er nun einen Weltrekord auf. Der kleine Mann ist ein ganz großer Künstler, als Trainer, als Fahrer.“ 1937 jagte er seinem Freund und Konkurrenten Charlie Mills einen weiteren Weltrekord ab: Er setzte die Spitzenmarke von 205 Jahressiegen auf 246.

Wie macht man das? Hänschen Frömming beginnt bescheiden: „Man muß den richtigen Beruf wählen“, und dann wird er preußisch streng und ernst, so als wollte er einem Lehrling die Grundregeln eines Berufs, der für weniger Charakterfeste seine Tücken hat, einbläuen: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten; auch nicht die kleinste Überheblichkeit aufkommen lassen; ein absolutes Zeitgefühl entwickeln – ich weiß immer, wie schnell ich fahre und in welcher Phase des Rennens ich mich befinde; fragen, immer wieder fragen – und beobachten, mit den Augen stehlen. Ich war ein großer Dieb“, sagt er lächelnd, und fügt hinzu: „Und ich hatte viel Glück.“

Seine sagenhaften Erfolge machten Hänschen Frömming schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem wohlhabenden Mann, der die feine Lebensart liebte: Maßgeschneiderte Anzüge, Reisen in die USA, „als ich es mir leisten konnte, erster Klasse zu fahren“. Doch es machte ihn nicht blind für die finsteren Zeiten, die aufzogen – er hat seine Mittel genutzt, um jüdischen Mitbürgern zur lebensrettenden Flucht zu verhelfen.

Nach dem Krieg gehörte er zu den ersten deutschen Sportlern, die wieder ins Ausland eingeladen wurden – und gleich wieder begeisterte er: Triest 1950 – die Klassestute Coronia und Hans Frömming – zwei Starts, zwei Siege. Noch 25 Jahre lang zählte Frömming zu den Weltbesten (mit elf deutschen, vier österreichischen Derbysiegen, Siege in fast sämtlichen hochdotierten Rennen für Elitetraber im In- und Ausland, darunter dreimal Sieger im größten Trabrennen der Welt, dem Prix d’Amerique in Paris, der heute mit einer Million Francs ausgeschrieben ist.)

Nun, da er sich zurückgezogen hat und nur noch fünf Pferde trainieren mag, davon ein eigenes, den Amerikaner Some Network – scheint es ihn ein wenig zu schmerzen, nicht mehr Glanzstück und umworbener Star des internationalen Trabersports zu sein. Doch dafür schilt er sich selber: „Manchmal bin ich böse mit mir, daß ich so naiv bin zu glauben, immer weiter erfolgreich sein zu können.“ Aber das stimmt nicht ganz: Als der Hamburger Rennverein im vergangenen Jahr die europäischen Champions zu einem Wettkampf in vier Rennen eingeladen hatte, da gewann Hänschen Frömming gleich zwei davon. Wieder einmal war er der Beste.

Und in Triest hat er am vergangenen Sonntag natürlich auch zwei Siege nach. Hause gefahren.