Von Rolf Schneider

Der Schriftsteller Günther Anders, heute achtundsiebzig Jahre alt und zurückgezogen in Wien lebend, ist noch vor zwei Jahrzehnten einer der gewichtigsten kulturkritischen Autoren gewesen. Er ist Jude und mußte vor Hitler aus Deutschland emigrieren. Von daher erklärt sich seine militante antifaschistische Radikalität. Er lebte als Exilant in den USA, häufig, wie er das mit höflichem Understatement in seine Lebensläufe notieren läßt, von odd jobs; daher sein Mißtrauen gegenüber der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft. Er ist der Sohn von William Stern, einem Wegbereiter der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie in Deutschland; er selber studierte bei Husserl, und dies miteinander disponiert seine umfassende wissenschaftliche Neugierde.

Den entscheidenden. Eindruck aber erfuhr er mit dem Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima. Daß der Abschluß des weltweiten Krieges der Alliierten gegen die faschistischen Regimes durch ein Instrument des Genocids erfolgte, hat bei ihm tiefe moralische Depressionen hinterlassen; daß die Menschheit sich mit den Nuklearwaffen das Mittel zur vollständigen Selbstvernichtung geschaffen hat, wurde zu jenem Moment seines Reflektierens, dem er alle übrigen Gedanken zu- und unterordnete.

Er reagierte nicht als Einziger so. Bertolt Brecht hat unter den gleichen Eindrücken seinen „Galilei“ völlig umformuliert. Der modische Aufschwung der Existentialphilosophie nach dem letzten Krieg, mit ihren Kafka-Reminiszenzen, Camus’ Sisyphos und Sartres mauvaise foi, alle Angst, alles schlechte Gewissen in den Gründer- und Wiederaufbaujahren nach 1945, der Erfolg der schwarzen Komödien von Friedrich Dürrenmatt: das alles geht auf das nämliche Trauma zurück, das immer wieder in den Rauchpilzen der regelmäßig gezündeten nuklearen Versuchsexplosionen vergegenwärtigt wurde..

Günther Anders hat diese Situation besonders beharrlich bedacht, manchmal in enger Nachbarschaft zu seinem Freund Robert Jungk. Wo Jungk in die Breite wirkte – seine Bücher waren glänzend geschriebene Wissenschaftsreportagen und verdiente Bestseller –, drang Anders auf Tiefe. Seine Bücher, notwendigerweise abstrakter geraten, haben gleichwohl ein beträchtliches Publikum erreicht. Der Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Eatherly, das Hiroshima-Tagebuch, vor allem die Essaysammlung unter dem Titel „Die Antiquiertheit des Menschen“ formulierten eine radikale. Kritik der Zivilisation im Zeitalter der Atombombe.

Der Erfolg von Günther Anders verblaßte ums Jahr 1968. Verglichen mit dem, was an radikalen Ideologemen nunmehr entworfen wurde, im Feld zwischen Habermas und Mandel, wirkte Anders’ Kritik leise und wie introvertiert; also wurde sie übertönt. Nun selbst dies vorüber ist, das Langhaar ergraute und eine neue Generation die pessimitischen Wonnen eines neuen Konservatismus kostet, vermag wohl auch Günther Anders sich wieder im Bewußtsein eines größeren Publikums zu etablieren. Er legt von seinem Hauptwerk die, immerhin, fünfte Auflage vor, und er komplettiert es mit einem abschließenden zweiten Band!

Günther Anders: „Die Antiquiertheit des Menschen.“ Erster Band: „Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution“; 353 S., 28,– DM; Zweiter Band: „Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution“; 465 S., 38,– DM; beide Verlag C.H.Beck, München.