Von Ulrich Völklein

Frankfurt, Ende Juni

Der Anspruch war nicht eben bescheiden: Zum „Großen Ratschlag“ wollte sich die außerparlamentarische und parteilose Linke der Bundesrepublik in Frankfurt treffen, damit die „Realisierung von Möglichem im utopischen Anspruch“ endlich auf den Weg gebracht wird. Die Marschrichtung war vorgegeben – „der Bruch mit dem Kapitalismus in den Metropolen“ – und auch der marxistische Wanderstab in eine hellere Zukunft schien zur Hand. Denn „die Stärke der Marxschen Theorie“, so Dan Diner vom veranstaltenden Sozialistischen Büro in einem Rundschlag zum Ratschlag, „liegt nicht nur in ihrer sinnstiftenden analytischen Potenz, sondern auch in ihrem handlungsanleitenden Antrieb.“

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Der Ratschlag der Fünftausend, der Apo-Väter, der Spontis und der Öko-Bauern, die Ansatzpunkte einer „grundlegenden Alternative“ suchen wollten, um eine politische Wegweisung zu bestimmen, die die „Bedürfnisse und Interessen der Menschen ernst nimmt“, dieser Ratschlag verkam zum Ratschtag.

Vergnüglich freilich war das Ganze. So sprengten vier „fortschrittliche Reinemachefrauen“ einer Münchner Frauenpartei ohne sonderlichen Anhang schon die Eröffnungsdiskussion. Von Anfang an – so hatte es das Sozialistische Büro geplant – sollten bei diesem Treffen, in Abgrenzung zu überkommenen Sozialismusvorstel-Jungen, die Grundzüge eines qualitativ neuen Sozialismus erkundet werden. Doch statt den allgegenwärtigen Professoren das Wort zu Nabelschau und Selbstbespiegelung zu überlassen, erkannte Hannelore Mabri schlicht, der Mensch sei weder gut noch böse, sondern recht betrachtet eine Null.

Dieser harschen Einsicht zu widersprechen wagte allein der Hannoveraner Oskar Negt, die spröde Eminenz der linken „Figaros“, die auf jedem „alternativen“ Treffen zu finden sind. Sein Verdikt: „Über Quatsch kann ich nicht diskutieren.“ Hochwertiger dagegen schien ihm die eigene Erkenntnis, daß „die Linke die Macht in absehbarer Zeit nicht übernimmt“.

Dieses professorale Urteil sollte vor allem die Grünen treffen, die „in dieser unreifen Situation“, versehen „mit der letzten Hoffnung vieler Linker“, um Teilhabe staatlicher Macht werben. Ihr Scheitern bei den Wahlen werde die Linke vollends in den „Strudel der Weglosigkeit“ treiben. Zu verhüten sei linkes Chaos allenfalls durch den Verzicht auf „Partizipation an Machtzentren“, durch die Preisgabe historisch gescheiterter revolutionärer Heilserwartung und durch ehrliche Bestandsaufnahme.