Im Jahre 1913 — ich war damals achtzehn Jahre alt — fuhr ich zusammen mit einer Gruppe deutscher zionistischer Studenten nach Palästina. Die Gruppe blieb drei Wochen, während ich beschloß, einige Monate zu bleiben, wodurch ich mein zweites Seroester, in Heidelberg versäumte. Nie wieder habe ich einen so starken Eindruck von dem ungewöhnlichen Lande Palästina, dem Lande der Propheten, dem Lande Jesus und seiner Jünger gehaßt, wie damals. Ich veröffentlichte Reisebriefe über meinen Aufenthalt, die später als Buch erschienen sind. Da ich meine erste zionistische Rede im Älter von knapp vierzehn Jahren hielt, habe ich mehr als siebzig Jahre zionistischer Tätigkeit hinter mir, davon 34 Jahre als Mitglied der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation und zwölf Jahre als ihr Präsident. In all diesen Jahrzehnten — mit Ausnahme der zwei Weltkriege — fuhr ich jedes Jahr mehrfach nach Palästina, später Israel, und war dort sicher einige hundert Mal. Von jeder Reise kam ich mit starken positiven oder negativen Eindrücken zurück, aber nie so erschüttert, besorgt und aufgewühlt wie nach den wenigen Wochen meines Aufenthalts im Mai 1980. Das Land ist in einem Zustand der völligen Auflösung. Zwei Institutionen sind von der allgemeinen Anarchie noch nicht betroffen — erstens das juridische System, objektiv, unbeeinflußbar durch Politik und frei von jedem Anflug von Korruption, und zweitens die Armee, obschon manche behaupten, daß auch ihre innere moralische Front zu leiden begonnen hat, was ich nicht beurteilen kann.

Alles andere in Israel ist in einem auf die Dauer unhaltbaren Zustand: eine Regierung ohne jede Autorität; Regierurigssitzungen! auf denen sich die Minister gegenseitig besehimpfen und deren Diskussionen wenige Stunden, naehdem sie stattfanden, in der Presse veröffentlicht werden; ein Ministerpräsident, der nach allen Sondierungen, würden heute Wahlen stattfinde, nicht mehr als 20 bis 25 Prozent, der Stimmen erhalten würde; eine Inflation, die den Schätzungen nach dieses Jahr 150 bis 200 Prozent erreichen wird. Und das schlimmste von allem: die dauernde Schwächung der moralischen Front, die stets Israels stärkste Kraftquelle war — Verbrechen, Korruption, organisierte Maffia, Steuerbetrüge durch einen großen Teil der Bevölkerung, wachsende Polarisierung zwischen einer kleinen Gruppe, die immer reicher wird, und der Majorität, die mit ihren Einkommen kaum noch das Notdürftigste befriedigen kann; eine israelische Außenpolitik, die sachlich auf Illusionen und undurchführbaren Ansprüchen beruht, und in ihrem Stil ("k style cest lhemme") immer arroganter und provokativer wird; die Isolierung Israels, das Schwinden der Unterstützung, die es in internationalen Gremien genoß, mit Ausnahme, der Vereinigten Staaten, die, jedenfalls bis zu den Präsideotschaftswahleji Ende dieses Jahres — wider besseres. Wissen nd Wollen — Israel unterstützen werden, was wiederum für Israel schädlich ist, weil es ihm ein falsches Gefühl der Sicherheit gibt; eine Verschärfung der arabischen Haltung, nicht nur der PLÖ sondern auch der gemäßigten arabischen Länder — wie ich es selber aus persönlichen , Kontakten mit- arabischen Vertretern feststellen kann , die sich ständig stärker fühlen (laut der Meinung von Experten glauben die Araber, daß Israel, ohne einen weiteren Krieg innerlich verbluten und sich auflösen wird) und in Zukunft vielleicht überhaupt nicht mehr bereit sein werden, einen Friedensschluß zu akzeptieren. Zu alledem kommt eine Radikalisierung der Araber, die in Israel selber leben und die sich in den vergangenen Jahren mit der Existenz Israels und ihrer Position als formell gleichberechtigte, aber de facto zweitrangige Bürger abgefunden zu haben schienen (ihre "Befreiung" vom Militärdienst, die praktische Unmöglichkeit für einen israelischen Araber, einen wichtigen Posten in der Administration zu erhalten oder sogar in einzelnen Betrieben angestellt zu werden); schließlich die von Juden ausgeübten Attentate gegen Araber auf der Westbank und die Drohungen gegen gemäßigte israelische Politiker und Parteien, wobei es sich erwiesen hat, daß die terroristischen Gruppen Waffen von der Armee stehlen oder von Anhängern in der Armee erhalten, mit der Gefahr eines regelrechten Bürgerkriegs in Israel im Falle einer Änderung der Regierung öder der Politik, bezüglich der Ansiedlungen in Judäa Saraaria.

Schuld an all dem ist viel weniger der jetzige Premierminister als seine Partei, und die Einstellung der Bevölkerung. Menaehem Begin versucht durchzuführen, was er sein Leben lang gepredigt und verlangt hat. In einer Reihe von Aufsätzen in der führenden israelischen Tageszeitung Hoffnung, daß Begin bald an die Macht komme, da er zweifellos in seiner Außenpolitik scheitern würde, was die Illusion zerstören würde, daß ein "starker" Mann an der - Regierung eine Alternative zu einer gemäßigteren Politik bedeuten würde. Als ich das schrieb, ahnte ich allerdings nicht, daß Begins Bundesgenossen, die es ihm 1977 ermöglicht haben, Premierminister zu werden (seine Partei allein hatte nur wenige Mandate hinzügewonnen), Ihn an der Macht ;halten würden, weil sie sich bewußt sind, daß sie bei neuen Wahlen keine Chance haben, nicht nur Minister zu bleiben, sondern sogar ins Parlament zu gelangen. Diese Regierungspartner, wie Ygael Yadm und aridere, sind für die heutige Lage weitaus mehr verantwortlich als Begin selber, der, angesichts seiner lebenslangen Konzeption eines aggressiven, utopischen Zionismus, in Camp David sogar bedeutende Konzessionen gemacht hat.

Die Camp David Abkommen sind aussichtslos. Die Amerikaner wollen es bis zu den Wahlen nicht zugestehen, Sadat nicht, solange er noch einen Teil des Sinais zurückbekommen muß. Die Vereinbarung zwischen Begin und Sadat beruhte auf einem gegenseitigen bewußten oder unbewußten, wahrscheinlich sogar gewollten oder ungewollten Mißverständnis: Begin hoffte, daß als Gegenstück zu seinen weitgehenden Konzessionen im Sinai, die nur er zu machen sich erlauben konnte (selbst einige führende Vertreter der Arbeiterpartei stimmten gegen die Ratifizierun ), Sadat ihm freie Hand in Bezug auf die Weltbank geben würcje; Sadat seinerseits wollte in erster Linie den Sinai, mit den Ölquellen und den strategischen Pässen zurückbekommen, in der Hoffnung, daß in einem späteren Stadium die Vereinigten Staaten Israel zwingen werden, notwendige Konzessionen auch gegenüber den Palästinensern zu machen.

Zweck dieses Aufsatzes ist es jedoch nicht, die israelische Innen- und Außenpolitik im einzelnen zu kritisieren, sondern die Lage von einem historischen Standpunkt zu betrachten und sich die Frage zu stellen, ob die Verwirklichung des zionistischen Gedankens in der From des heutigen Israels die richtige war und ob sich der Staat auf die Dauer wird halten können r- eine sehr schmerzvolle und erschütternde Frage, besonders für einen Mann mit meiner zionistischen Vergangenheit. Dabei will ich ausdrücklich betonen, daß ich nach wie vor nicht nur Zionist bin, sondern den zionistischen Gedanken für eine der kühnsten, schöpferischsten Ideen unseres Jahrhunderts halte.

Im ersten Anblick ist der Zionismus- eine beinahe abstruse und donquichottisehe Konzeption. Die Idee, daß ein Volk zweitausend Jahre, nachdem es sein Land verlassen hat (als die Römer itt Jahre 70 den Tempel zerstörten, lebte die Majorität des jüdischen Volkes bereits in der Diaspora), die Treue zu seinem Land behalten hat dreimal am Tage in der Zerstreuung und Verfolgung um die Rückkehr nach Zion gebetet hat, ist eine nicht nur ungewöhnliche, sondern einmalige Erscheinung in der Geschichte der Menschheit. Sie ist, wie die Geschichte und die Struktur des jüdischen Volkes, einzigartig, was nicht heißt, daß das jüdische Volk besser oder schlechter sei als andere. Die religiösen, kulturellen und sozialen Leistungen der Juden in ihrer tausendjährigen Geschichte kann man nur verstehen, wenn man den einzigartigen Charakter des Judentums anerkennt und davon ausgeht, daß die Existenz des jüdischen Volkes die Ausnahme der normalen Regel im Leben der Völker darstellt, die diese Regel nur bestätigt.

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