Von Gesine Froese

Es ist Donnerstag, der 26. Juni, fünf Minuten nach zwölf. Acht Stunden vor der Wahl der 30. Nachkriegs-„Miss Germany“, drei Stunden vor der Generalprobe und knapp eine Stunde vor dem Mittagessen, zu dem sich alle 23 Miss-Anwärterinnen mit gewaschenem und frisiertem Kopf einfinden sollen.

In der ersten Etage der Fasanenstraße 36 und im Salon des Hotels Kempinski in Berlin wird im Akkord gelegt, gefönt, gebürstet und duftig Gelocktes zurechtgerückt. Wieder und wieder muß Berlins Meisterfigaro Udo Walz seinen Mitarbeitern ins Handwerk pfuschen, um mit seiner Autorität die gestreßten Damen von der Frisur zu überzeugen. Denn hier will jede schöner als die andere sein.

Das hübsche sommersprossige Mädchen an der Kasse stöhnt: „Nee, wat sind die alle naiv! Würden Sie so wat mitmachen?“

Ich schlucke und schweige. Es ist elf Jahre her, daß ich „Miss Germany“ war. Über halboffen herumliegende Schminkkoffer stolpere ich in den Salon. Vorbei an ein paar Kundinnen, die verschüchtert unter ihren Hauben sitzen, Zeitschriften auf ihren Knien halten und die umsorgten Königinnen anstarren.

Unter einer Haube sitzt Petra Hontschik. Sie ist 22 Jahre alt, sie war dritte der Miss-Berlin-Wahl, von Beruf ist sie Serviererin in einem Restaurant am Kurfürstendamm. Nun will sie den deutschen Titel. Ihrer Schwester, der „Miss Germany 1979“, sieht sie fast zum Verwechseln ähnlich: die gleichen hohen Backenknochen, Mandelaugen, dunkle halblange Haare. Vielleicht ist alles an ihr ein wenig molliger, nicht so markant wie bei der erfolgreichen Schwester.Und das Kinn ist etwas größer. Aber sie ist zweifellos schön. Wie schön muß eine Miss Germany sein?

Was Schönes ausgedacht

„Ick bin ja so wahnsinnich uffjerecht“, sagt sie, „ick glob, ick hab’s füll schwerer, wo ick doch die Schwester bin!“ Dabei hat die Schwester sie zum Mitmachen animiert: „Mensch, da kommste mal raus’, hat sie gesagt, und da kannste viel Geld verdienen.“

Andrea, die erfolgreiche Schwester, arbeitete als Verkäuferin in einem Berliner Kaufhaus, bevor sie in Rudi Carrells Familienshow „Am laufenden Band“ auf den Miss-Thron gehoben wurde. Phototermine, Modenschauen und Autogrammstunden wurden ihre neue Welt. Und Tageshonorare um 1000 Mark statt des kärglichen Gehalts einer Verkäuferin. Der Vater Dekorateur, die Mutter Taxifahrerin, die Tochter „Miss Germany“. Und nun will es die Schwester wissen.

„Vielleicht“, so spekuliert sie, „wär’ dat ja ’n Clou für die Presse, wenn wieder eine Hontschik ...“ Sie ist sehr nervös, blickt suchend herum, soweit der Kopfpanzer das zuläßt. Plötzlich richtet sie sich unter der Haube auf: „Ick bin ja die letzte! Sie können doch nicht schon alle weggehen!“ Beinahe kommen die Tränen.

Doch Petra wurde noch abgeholt. Fünf andere Mädchen allerdings blieben tatsächlich zurück. Sie kehrten der „Miss-Germany-Cooperation“ freiwillig den Rücken, weil ihnen die Verträge nicht paßten, die jedes Mädchen als Teilnahmebedingung zu unterschreiben hatte. Darin steht: Sie dürfen ein Jahr lang nicht heiraten und müssen 25 Prozent ihrer Einnahmen, falls sie den Titel gewinnen, drei Jahre lang an den Veranstalter zahlen. (Ein Beispiel: Die Miss ’79 wurde unter anderem von der Kosmetikfirma Max Factor und der Kaufhauskette Hertie für 50 000 Mark unter Vertrag genommen.) Widerspenstigen wird eine Konventionalstrafe von 5000 Mark angedroht.

Erdacht hat sich diese listigen Paragraphen der Österreicher Erich Reindl, der einzige hauptberufliche Miss-Macher der Welt. Die stattlichen Prozente sind nur ein, Teil seiner ausgefuchsten Geschäftsphilosophie. Der verhinderte Regisseur („Mein Traum wäre es, einmal in einem Fernsehspiel Regie zu führen“) fährt nicht aus purem Spaß einen 60 000-Mark-Cadillac: „Das ist gut fürs Image“, sagt er.

Von einem, der sich die Illusionen moderner Aschenputtel zunutze macht, darf man keine Seriosität erwarten. Und von der gewaltigen Werbeindustrie: ebensowenig. Allein der Otto-Versand bucht jährlich Photomodelle für insgesamt etwa 10 bis 20 Millionen Mark. Große und kleine Modehäuser, Bademodenfirmen, Sektkellereien, ja selbst Bürgermeister, die ihre Stadt ins Gerede bringen wollen, steuern reichlich bei. „Ein Sponsor deckt ab“, erklärt Reindl im Männermagazin Penthouse, „mit ihm sind schon leere Säle ein Geschäft. Jeder zahlende Zuschauer bedeutet ein Zusatzgeschäft.“

Die Rechnung geht allerdings erst auf, wenn auch die Medien mitspielen. Denn erst über die Illustrierten, die Zeitungen, das Fernsehen werden die auf Laufnummertafeln und Schärpen sorgsam verzeichneten Firmennamen für alle Welt sichtbar. So werden die Reporter vom rundlichen Reindl freundschaftlich unter den Arm genommen: „Soll ich für Sie ein schönes Interview arrangieren?“ Oder: „Ich hab’ mir da ’was Schönes für Sie ausgedacht.“

Das System funktioniert. Alle kommen auf ihre Kosten: Sponsoren, Veranstalter, Publikum, Mädchen. Obgleich Miss-Wahlen „heutzutage schrecklich inflationär“ sind (Ex-Miss-World Petra Schürmann), befriedigen sie doch immer noch öffentliche Schaulust. Außerdem glauben die Mädchen heute so sehr wie nie zuvor, ohne Talent oder Ausbildung viel Geld verdienen zu können: als Photomodell, vielleicht gar als Filmsternchen. Daß auch in der „Model-Branche“ der Markt hart ist und nur „bestes Material“ konkurrieren kann (eine Model-Agentur in Hamburg) daß ein Miss-Titel zu nichts qualifiziert, sich lediglich für die Macher gut ausschlachten läßt, das übersehen die meisten. Wie eine Kandidatin bei der Generalprobe, so meinen viele: „Das ist doch eine echte Chance, so ’ne Miss-Wahl.“

Die 23 Mädchen haben inzwischen Friseurbesuch, Mittagessen und Generalprobe hinter sich gebracht. Noch hoffen die Serviererin aus Neuenkirchen, die Arzthelferin aus Regensburg oder die Studentin aus Köln auf den großen Preis; die Krone, mit der sie eine Karriere verknüpfen.

Noch 15 Minuten bis zum ersten Durchgang im Abendkleid. Zum Raum 77 (Reindls Glücksziffern), der Garderobe, steht die Tür weit offen. Drinnen drängen sich posierende Mädchen. Mädchen wandeln herum wie Mondsüchtige, einige schlucken Tabletten. Eine hochgeschossene Blondine läßt ihr hautenges Goldkleid befühlen. Dann erscheint Reindl in blendendem Weiß: „So, meine Kinder, es geht los!“ Es folgt die Aufstellung im langen Flur. Einer schreit: „Ein Lied!“ und die Mädchen marschieren Richtung Bühnenvorhang.

Erich Reindl veranstaltet die „Miss-Germany-Wahl“ seit drei Jahren. Er hat sich im Laufe seiner 22jährigen Karriere als Miss-Macher die Rechte der verschiedenen Wahlen erworben und lockt Teilnehmerinnen mit der Aussicht auf einen internationalen Titel: Miss Europa oder Miss Universum. Konkurrenten dürften es schwer haben, ihn bei den zuständigen Komitees aus dem Feld zu schlagen: „Diese Leute in Paris und den USA verhandeln nur mit mir.“

Die Wodka-Miss

Das war nicht immer so. Von 1950 bis 1970 hatte der Strumpfkonzern Schulte & Dieckhoff beste Kontakte zu den Komitees. Im Namen seiner Tochterfirma Opal veranstaltete er die Miss-Germany-Wahlen. Als Seidenstrümpfe und Fernseher noch begehrte Luxusartikel waren, wurde Susanne Erichsen, sechs Jahre nachdem sie aus der Kriegsgefangenenschaft in Stalinogorsk heimgekehrt war, zur ersten Opal-Miss gewählt Sie wurde ein erfolgreiches Mannequin und Photomodell in den USA und hat heute eins Mannequinschule in Berlin.

Ihr folgten unter anderem Margit Nünke (1955); sie versuchte sich – erfolglos – als Schauspielerin, Marlene Schmidt (1961); als einzige gewann sie auch den Miss-Universum-Titel; Fee von Zitzewitz (1967); sie soll seither Schwierigkeiten mit ihrer Familie haben. Mir ist sie noch als „Wodka-Miss“ in Erinnerung, weil sie zu ihren Autogrammterminen vorzugsweise mit Flaschen hochprozentigen Inhalts erschien. Und 1969 war ich dann dran.

Gewählt wurde,ich, nachdem ich, dank freundlicher Beihilfe guter Bekannter in der Jury, Miss Nürnberg geworden war. Die Wahl fand in festlichem Rahmen statt. 500 Gäste hatte Opal in den „Bayrischen Hof“ in München geladen. Alexandra sang.

Opal bemühte sich sehr um Seriosität und gepflegten gesellschaftlichen Stil. Ganz so glanzvoll wie in den dreißiger Jahren, als noch Max Reinhardt und Marlene Dietrich in der Jury saßen, war’s freilich nicht mehr.

Alle zehn Endkämpferinnen bekamen ein maßgeschneidertes Couture-Kleid im Wert von 5000 Mark, wurden respektvoll behandelt und dürften die Musik für ihren Auftritt selbst wählen. Meine schärfste Konkurrentin-, schritt nach West-Side-Story-Klängen auf den Laufsteg, ich wackelte nach dem Siw-Malmquist-Schlager „Mein bunter Harlekin“ vors Publikum. Im Wettkampffieber schäkerte ich mit dem Publikum. Es war entzückt. Der „Intelligenztest“ überzeugte schließlich auch die Jury. Zu ihr gehörten: der Fußballstar Radencovič, Familienministerin Käthe Strobel, Oswald Kolle, Petra Schürmann, Rupert Davis, bekannt als Kommissar Maigret. Wim Thoelke fragte: „Was ist Glück?“ und aus mir kam heraus: „Wenn man mit sich selbst zufrieden ist.“

Immer wieder fragten mich Freunde, Kommilitonen,Kollegen ungläubig, wie ich „so etwas“

nur mitmachen, konnte. „Volksbelustigung“, „Fleischbeschau“ nannten sie es – kurz, eine: entwürdigende Sache aus der Sicht des Betrachters.

Vom Laufsteg aus sieht die Sache etwas anders aus. Es kann schlicht Spaß machen, sich auf der Bühne zu bewegen und Blicke auf sich zu lenken. Ganz unbefangen einmal „aus der Rolle zu fallen“ und schließlich zu siegen.

Weniger Spaß macht es indes zu entdecken, daß ein Miss-Titel bei den einen als Makel gilt, bei anderen Verzücktheit auslöst. Von diesen Wechselbädern habe ich mich inzwischen erholt, bin nicht mehr Kleiderständer, sondern Journalistin und sitze also nach elf Jahren „Abstinenz“ im Publikum – ohne wallendes Haarteil, das dereinst mein mageres Haupthaar verlängerte und aus mir den siegreichen „Schneewittchentyp“ zauberte. Wie grauenhaft war doch damals die Ernüchterung, als ich die ersten Funk- und Ferne sehtermine bestanden und die unsägliche, weil so unpersönlich perfekte Miss-Universum-Show in Miami Beach hinter mich gebracht hatte. Meine vertragliche Miss-Pflicht war es, ein Jahr lang mit dem gewonnenen Sportcoupé durch die deutschen Lande zu rasen, in kleinstädtischen Modehäusern oder Supermärkten auf Styropor-Thrönchen Autogramme zu geben; mich begaffen, anhimmeln oder auch anpöbeln,zu lassen. Das Jahresgehalt betrug 20 000 Mark.

Im Dutzend schicker

Und heute? Der blumengeschmückte Saal 2 des Berliner Congress Centrums (ICC) wirkt leer. Nur 400 Gäste sind erschienen. In der Jury sitzen sieben (wiederum Reindls Glückzahl) Prominente dritten Grades: der Schauspieler Thomas Fritsch, die Wahrsagerin Gabriele Hoffmann, Meisterfigaro Udo Walz, Miss Germany 1957 Gertie Daub, ein römischer Filmmanager namens Enzo Peri, Marie Louise Gassen, Ehefrau des Schlagerproduzenten Jack White, und ein sogenanntes Berliner Maleroriginal, es heißt Timm.

Erster Durchgang im Abendkleid: ohne besondere Vorkommnisse.

Zweiter Durchgang im Badeanzug: Die Mädchen werden von Carl-Heinz Hollmann interviewt. Zu Kandidatin Nummer zwölf meint er: „Im Dutzend nicht billiger, sondern im Dutzend immer schicker, fröhlicher und charmanter, herzlich willkommen, aber das sagen Sie lieber selbst.“ Andrea Schulz aus Saarbrücken nennt Name, Alter und Beruf. Sie. will Maskenbildnerin werden. Hollmann schickt sie auf den Laufsteg: „Da kommt Andrea Schulz, 177 Zentimter, 57 Kilo das Gewicht, 91 Brustumfang, 62 Taille, 88 Hüfte...“ Diese öffentliche Taxierung war mir damals erspart geblieben. Andrea tritt ab. Die Jury ist sich einig: siebenmal die Vier. Reindl tönt aus dem Saal: „Ja, also do komma sich ja net verrechnen, 28!“ Hollmann: „Richtig! Und da kommt schon die ominöse 13...“

Kandidatin Nummer 16. Hollmann: „Was gibt’s denn so für tolle Hobbies, die Sie haben?“ – „Ja, also ich hör’ gern klassische Musik.“ – „Besondere Richtung?“ – „Na, den Bolero von Ravel.“

Nummer 19, Heidemarie Butzin, Kunststudentin aus Köln, trägt ein eigenes Gedicht vor: „Es ist wieder so, wie schon viele Jahre – leuchtende Elfen tragen Blüten zu Grabe...“ Das Publikum isft begeistert. Pfiffe und Buhrufe, weil die Jury nicht mitzieht.

Kandidatin Nummer 20: Hollmann ist informiert: „Elke Pitz leidet an chronischer Hepathitis. Wieviel Jahre haben Sie fest im Bett gelegen?“

Von einer anderen will er wissen, warum ihre Eltern geschieden sind.

Dritter Durchgang im knappen Bikini (was damals noch verpönt war): Bissige Kommentare meiner älteren Tischnachbarinnen, die sich beim Pommery allmählich in scharfe Schiedsrichterinnen verwandeln: „Langbeinig, aber den Rest kannste vergessen.“ – „Die ist nichts, die hat ja Zellulitis und geht wie ein Orang-Utan.“

Kurz nach Mitternacht steht fest: Siegerin ist die 18jährige Gabriella Brum, die aus Los Angeles zur Miss-Wahl nach Berlin geflogen kam. Sogleich ist von „Schiebung“ die Rede: Die Frau des Freundes vom Freund X – er ist ein 50jähriger Filmmanager – saß in der Jury! Meine Nachbarin schimpft: „Die lebt ja gar nicht mehr in Deutschland!“ Das Publikum ist verärgert. Für 60 Mark Eintritt wurde ihm nur eine Pelzmodenschau und eine kleine Tanznummer geboten. Die Band war mäßig. Gabriella Brum indes strebt in Hollywood nach Höherem: „Ich will zum Film.“ Die richtigen Freunde, für die sie eigens ihre Schulausbildung abbrach, habe sie schon.

Die Hontschik-Schwestern aber haben Tränen in den Augen: „Laßt doch, ick will weinen“, ruft Petra ihren Tröstern zu, Andrea steht starr: „Daß das Jahr so schnell vorbeigehen würde, hätte ick nie gedacht.“ Reindl beschwichtigt: „Laß mal, ich hoffe, du wirst noch viel Geld verdienen – für uns.“

Für dieses Spektakel, das, gemessen an 1969 eher einer miesen, ausschließlich kommerziellen Show glich, hatte ich mir ein sündhaft teures Abendkleid gekauft, um bei einer „Miss-Wahl“ wieder einmal „schön“ zu sein. Ich habe es nicht getragen. Beim Anblick der aufgedonnerten Mädchenparade verging mir die Lust, mich aufzuputzen. Der Spaß von einst war weg.

Das Kleid kam dann doch noch zu Ehren: Ich lieh es der jüngsten Teilnehmerin, der 17jährigen Hamburgerin Nicoletta Amato.