„Neue Welle“: Mangel an musikalischen Talenten

Von Franz Schöler

New Wave? Das ist doch ein altes Pony!“ vertraute kürzlich Amerikas erster und immer noch experimentierfreudigster Rock-Dadaist Captain Beefheart dem Magazin „Rolling Stone“ an – und bezeichnete damit ironisch präzis das Dilemma eines großen Teils der neuesten Rockmusik. Was nämlich seit etwa Zwei Jahren unter diesem schwammigen Begriff alles an höchst unterschiedlichen Stilrichtungen und modischen Trends vermarktet wird, klingt meist weder neu oder originell, noch wird es dem in Interviews und Selbstzeugnissen angemeldeten Anspruch gerecht. Die Generation von Rockmusikern, die auf die Punk-Rock-Rebellen der Jahre 1976 bis 1978 folgte, gibt sich demonstrativ intellektueller, versteht sich als zeitgenössische Avantgarde, arbeitet aber bei genauerer Betrachtung vornehmlich an der marktgerechten Wiederverwendung traditioneller Rockstile der letzten fünfzehn Jahre.

Es ist nicht einmal der Verdacht des Plagiats, der die nouvelle vague des Rock diskreditierte, sondern vielmehr die Tatsache, daß sie, anders als die Blues- und Rock-’n’-Roll-Adepten Englands in den frühen sechziger Jahren, sich die Vorbilder so unoriginell aneignen, daß sie oft sogar nur eine Mixtur aus Klang- und Produktionskonzepten der jüngsten Rockvergangenheit als eigene künstlerische Handschrift ausgeben. Darum meint auch Maxim Rad, der nach einer viel beachteten Debüt-LP („Times Ain’t That Bad“, im März dieses Jahres bei der CBS veröffentlicht) zu den großen Hoffnungen der deutschen Rockmusik zählt: „Viele New-Wave-Bands“, sagt der 23jährige, „sind vollkommen charakterlos und unprofiliert.“

Für Rad, der sich vor anderthalb Jahren aus der Hamburger Punk-Szene nach Paris absetzte und dort seine erste Platte in eigener Regie produzieren konnte, gibt es nur wenige positive Ausnahmen: „Die Talking Heads, Richard Hell und Tom Verlaine in New York, Public Image Limited aus England und einige wenige andere Gruppen, die versuchen, konträr zu rockmusikalischen Traditionen zu arbeiten. PIL beispielsweise macht eine Musik, die in erster Linie den Intellekt und weniger das Gefühl anspricht. Und da beginnt für mich ein Dilemma: Gruppen wie diese vermitteln ein gewisses musikalisches Vergnügen, aber ich Würde mir ihre Platten nie daheim jeden Tag auflegen. Dagegen haben es die Talking Heads verstanden, eine Synthese zu schaffen: intellektuelle Tanzmusik, bei der auch die Texte einen hohen Anspruch haben. Aber sie sind die Ausnahme.“

Man hat das Erstlingswerk des erklärten Rolling-Stones-Fans Maximilian André Rademacher (das ist sein bürgerlicher Name) etwas hilflos mit allen möglichen Rock-Neutönern von Lou Reed bis Elvis Costello verglichen, dabei aber das entscheidende Vorbild unterschlagen, nämlich das Debütalbum der New Yorker Gruppe Television. Dieses Meisterwerk des „minimal rock“ hat Maxim Rads Song- und Sound-Konzept ganz wesentlich beeinflußt; das Gründungsmitglied dieser Gruppe, Tom Verlaine, gehört für ihn zu den wenigen Genies, die die Rockmusik in den letzten Jahren hervorgebracht hat – nicht zuletzt deswegen, weil er zehn Jahre nach dem Avantgarde-Rock der Velvet Underground neuerlich bewies, daß handwerklicher „Dilettantismus“ schöpferischer sein und eine interessantere, nämlich offenere Form von Rockmusik hervorbringen konnte, als die virtuoseren Veteranen in ihrem artistischen Leerlauf. Eine nach allen Richtungen hin offene Rockform sei seine Vorstellung von idealer Popmusik.

Ob die Plattenindustrie solche Vorstellungen teilt, darf bezweifelt werden. Sie hat zwar in den letzten Jahren nach einem undefinierbaren Lotteriesystem hunderte von neuen Bands unter Vertrag genommen und deren erste Platten finanziert. Aber die Rechnungen gingen nur selten auf. In der allgemeinen Rezession wurden die wirtschaftlichen Verluste auch durch New-Wave-Bands so groß, daß die Firmen ihre Künstler momentan schneller feuern, als sie neue Talente entdecken können.