Das Ärgernis ist zur Institution geworden: Seit 1977 existiert der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt, alljährlich angefeindet, immer wieder (und vergebens) boykottiert von der Grazer Autorenversammlung, begleitet von Angst, Schweiß und Tränen der teilnehmenden Schriftsteller. Und doch kommen sie jedes Jahr wieder, setzen sich an den Tisch der Jury, lesen im weißen Licht der Scheinwerfer, umgeben von Fernsehkameras und Publikum, mit belegter Stimme ihren Text und hören stumm die ablehnende oder lobende, die abwägende oder vernichtende Sofortkritik der Juroren. Sie kommen, die zwanzig oder dreißig zumeist unbekannten Autoren, mit der Hoffnung auf einen der drei Preise, sie gehen, enttäuscht und irritiert die einen, ermutigt und stolz die anderen.

Es gibt wenige literarische Veranstaltungen solch tückischer Ambivalenz. Wer gegen Klagenfurt ist, scheint naiv, wer dafür ist, zynisch. Gegründet und organisiert von Humbert Fink, Schriftsteller, und Ernst Willner, Intendant des österreichischen Rundfunks in Kärnten, gegen alle Widerstände in Gang gesetzt von Marcel Reich-Ranicki ist der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zum Brennpunkt des Literaturbetriebs geworden. Auf unvergleichbar drastische Weise führt er die Mechanismen des Markts und der Kritik vor aller Augen. Ein Schauspiel und eine Show, fragwürdig, aber auch nützlich.

Ich war in diesem Jahr als Juror dabei, zum erstenmal. Selten fühlte ich mich zwischen Ablehnung und Zustimmung hin- und hergerissen. Unerwartet das Glücksgefühl angesichts gelungener Prosa von Christoph Geiser, Bodo Kirchhoff oder Sten Nadolny; da gab es erhellende, von blitzartigem Verstehen vorwärts getriebene Debatten. Daß Literatur eine solch konzentrierte, sympathetische Zuwendung erfährt, kommt nicht eben häufig vor, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Dann die anstrengende Ratlosigkeit bei Texten, die sich schnellem Verständnis nicht erschlossen, wie etwa die hochdifferenzierte Sprache Henning Grunwalds oder die merkwürdig, unerklärbar mißglückte Lesung Martin Grzimeks. Da sitzt man und weiß nicht, woher die Worte nehmen. Schließlich die Beschämung, wenn etwa ein beachtenswerter Autor wie Roderich Feldes eine Satire fraglicher Qualität liest und einer der Juroren (ich war’s) mit moderat gemeinter, wahrscheinlich vernichtend wirkender Kritik beginnt und jedes nachfolgende Votum den Text nur noch tiefer ins Aus treibt, bis der Mann aufsteht und nichts mehr in den Händen hat. Oder gar die junge Österreicherin Ursula Adam mit ihrer eruptiven, riskanten, von persönlichen Leiderfahrungen verzerrten Prosa, an der Walter Jens mit messerscharfer Argumentation nichts Gutes ließ, und keinem, auch mir nicht, Rettendes einfiel, obwohl es dringend geboten gewesen wäre, so daß die Autorin weinend den Saal verließ. Soll man bei so etwas mitmachen?

Hans Christoph Buch, als letzter von 28 Autoren, wollte nicht. Er las zwar, zog aber seinen Text vom Wettbewerb zurück und wandte sich heftig gegen die „subalterne Position“, in die der Schriftsteller hineingezwungen werde. Er forderte eine Änderung des Reglements, über das niemand glücklich sei, „nicht einmal die Kritiker“ (wohl wahr). Die Attacke von Buch (der den wirksamen Auftritt liebt) wäre glaubwürdiger gewesen, hätte er nicht zwei Wochen zuvor an einer der in jüngster Zeit grassierenden Klagenfurt-Imitationen teilgenommen, nämlich als Juror bei der Vergabe des Kritikerpreises der Bestenliste des Südwestfunks, wo Helga M. Novak gegen die Anmaßung der Kritiker und das entwürdigende Schaulesen protestiert hatte.

Die Motive solcher Kritik jedoch sind letzten Endes unerheblich, was zählt, sind die Argumente. In Klagenfurt führten sie dazu, daß vierundzwanzig Autoren eine Resolution verkündeten. Ihre wichtigsten Punkte lauten: Abschaffung des Bachmann-Preises als Geldpreis, Umverteilung der Summe (etwa 14 000 Mark) an alle Teilnehmer, Rederecht für den lesenden Autor, Kritik der Kritiker durch alle Autoren, Redepflicht jedes Jurors zu jedem Text. Der diesjährige Preisträger Sten Nadolny ging mit gutem Beispiel voran und erklärte, er verzichte auf das Geld zugunsten aller Kollegen. Dies war eine hochherzige Geste, die nicht deshalb an Wert verliert, weil sie wahrscheinlich folgenlos bleiben wird. Die Vermutung, Nadolny habe damit die beiden anderen Preisträger, Anna Jonas und Ingrid Puganigg, unwillentlich unter Druck gesetzt, halte ich im übrigen für nicht zutreffend.

Wäre das, was die Schriftsteller in schöner Unschuld fordern, die Lösung? Ambivalent wie die Sache selber sind ihre Vorschläge: einerseits Entschärfung der Wettbewerbssituation durch Wegfall der Geldsumme, andererseits Verschärfung durch das unsinnige Gebot, jeder Juror müsse sich jedesmal äußern. Es wäre naiv anzunehmen, Klagenfurt könne ohne Geld funktionieren. Ein Rennen, bei dem es nichts zu gewinnen gibt, ist keins. Es ist das alte Elend, das in Klagenfurt sichtbar wird. Die Schriftsteller hassen die Kritik, aber sie lieben sie, sofern sie ihnen taugt; sie wo – len sie abschaffen, aber sie können nicht ohne sie leben. Als vor zwölf Jahren Rolf Dieter Brinkmann im Verlauf einer Podiumsdiskussion nach einem Maschinengewehr rief, um die anwesenden Kritiker über den Haufen zu schießen, da hatte der traditionelle Konflikt zwischen Autor und Rezensent einen neuen, bösartigen Höhepunkt erreicht. Es war die Zeit, als das Schimpfwort „Großkritiker“ die Runde machte und als die Schriftsteller sich befreien wollten von der Institution des Kunstrichters. Sie sahen in der Kritik nur noch eine Agentur des Marktes, und sie wollten sowohl ihn als auch sie beseitigen.

Der Markt ist jedoch geblieben, er hat sich nicht verändert. Wohl aber die Kritik. Der Kunstrichter, der vom Standpunkt des imaginären Lesers aus urteilt, wurde seltener. Ein anderer Typus des Kritikers trat in Erscheinung. Er dachte nicht mehr’nur vom Interesse des Buchkäufers her, sondern er schrieb mit dem Autor und für ihn. Ziel war die solidarische Kritik. So wünschenswert und notwendig diese Entwicklung auch war, sie verschleierte allzu oft die Tatsache, daß Rezensent und Autor zweierlei sind. Ihr Bündnis scheitert, wenn die Leser nicht mitmachen. Wenn ich als Kritiker nur noch den Nachvollzug des Vor-Geschriebenen übe, begebe ich mich meines Einflusses und verfalle einer abstrakten Utopie..

Vielleicht ist dies der Grund, weshalb eine wachsende Zahl von Schriftstellern die Autorität der Kritik wieder herbeiwünscht. Anders ist das immense Interesse an Veranstaltungen wie Klagenfurt oder dem „Literarischen März“ in Darmstadt nicht zu erklären. Indem jedoch die Kritik als Urteilsinstanz wieder ins Recht gesetzt wird, wächst zugleich das Mißbehagen. In Klagenfurt zeigt,sich das jedesmal. Die schärfsten Proteste gegen den Wettbewerb kommen von eben jenen Autoren, die an ihm teilnehmen.

Der Widerspruch ist unaufhebbar. Ihn produktiv zu machen, wäre eine Aufgabe von Klagenfurt. Die Barriere zwischen Jury und Autorenschaft kann man nicht wegräumen, aber man kann sie durchlässiger machen. Der Einsamkeit des Autors entsprach bislang die Einsamkeit des Jurors. Während dieser vier Tage fühlte ich mich völlig abgeschnitten von den Erfahrungen jener, die mir ihre Texte zur Begutachtung vorlegten. Gespräche sollten möglich sein, und dazu gehört zweifellos, daß der lesende Autor an der Diskussion teilnimmt. Urteilskritik und solidarische Kritik müssen sich nicht ausschließen. Vielleicht bietet Klagenfurt zukünftig die Möglichkeit der Annäherung und des Austauschs. Oder ist auch dies wieder, nur Utopie? Ulrich Greiner