Manchmal frage sie sich, singt die Frau des Bahnhofvorstehers Hudetz, "für welche Verbrechen wir büßen müssen". Darauf Alfons, ihr Bruder, der in der kleinen Stadt eine Drogerie besitzt: "Für unsere eigenen." Sie: "Ich bin mir keines Verbrechens bewußt." Er: "Du wirst es halt vergessen haben." Die Frage nach Schuld und Bewußtsein und Verdrängung und Gewissensnot ist die eine, die erste und wichtigste.

Die andere: Warum schließen die Menschen, sich ab voneinander, sprechen nicht einmal über. Wesentliches und Lebensnotwendiges mit jenen, die zu ihrem Selbst geworden sind? Der Hudetz und seine Frau: Sie war dreizehn Jahre älter als er und hätte "es wissen und fühlen müssen", daß es nicht gutgehen könne, aber sie haben nie miteinander darüber geredet, bis sie ihn jetzt "erschlagen könnt, wenn er neben mir liegt in der Nacht". Damals, als sie zueinander kamen, entstanden ihm keine Zweifel, er "hätt’ sich nichts zu überlegen"; heute will er nichts mehr von ihr, geht aber auch nicht mehr in die Kneipe, "immer steckt er in seinem Bahnhof, Tag und Nacht".

Die dritte Frage: Wer kann beurteilen, wer darf verurteilen? Und damit zusammenhängend: Wie sieht es "danach" aus? Die Toten, man kann mit ihnen sprechen, sind "direkt froh, daß man nicht mehr lebt". Hudetz, schuldig geworden, möchte, wenn er schon vors Gericht muß, "lieber gleich vor die höchste Instanz", findet aber dann doch, es sei die Hauptsache, daß "man sich nicht selber verurteilt oder freispricht".

Im Spannungsfeld dieser drei Fragen hatte Ödön von Horváth 1937 sein Schauspiel "Der jüngste Tag" angesiedelt – das Libretto von Giselher Klebes gleichnamiger Oper, komponiert im Auftrag zum zweihundertjährigen Bestehen des Mannheimer Nationaltheaters, übernimmt Horváth gekürzt, aber geradezu wörtlich, vor allem im Ansatz gleichlautend. Wieder findet das Jüngste Gericht nicht, genauer: in uns selber statt. Die Ambivalenz der Fragen ist zudem musikalisch wieder in ein Wechselspiel übertragen zwischen sorgfältiger Zwölfton-Ordnung und hochexpressiven Klangstrukturen, die auf der Basis einer freien Tonalität stehen.

Gleich in dem nur fünfzig Takte umfassenden, obendrein in großen Notenwerten und äußerst langsam, Larghetto sostenuto sich bewegenden Vorspiel wird eine Klänge-Kombination hörbar, die sowohl traditionelle Elemente der Harmonik (wie; etwa Moll-Akkorde oder Dominant-Auflösungen), der Melodik (Sekundfortschreitungen beispielsweise) enthält als auch nach den Gesetzen der Reihentechnik abgewandelt und kontrapunktiert wird. Diese Klänge-Kombination gewinnt für den Verlauf des Stücks fast so etwas wie Leitmotivfunktion, könnte für den Begriff "Frage" stehen. Strukturen wie diese sind später immer wieder unschwer herauszuhören, Chiffren für Personen, Beziehungen, Emotionen.

In ähnlicher, wenngleich umgekehrter Weise wird in einem der instrumentalen Zwischenspiele eine Zwölftonreihe benutzt wie ein klassisches Thema einer Chaconne. Es kehrt mehrfach wieder, wird dann in seine Elemente zerlegt und dient so als technisches Grundgerüst für eine sich darüber legende, nach dem uralten Prinzip von Gegensatz und Wiederholung, Steigerung und Rückentwicklung verfahrende, aber eben hochexpressive und dramatische Komposition. Eher traditionsbezogene horizontale Bewegungen werden so mit eher avancierten vertikalen Stützen versehen und umgekehrt.

Dies war stets und ist jetzt wieder als die große Stärke einer Klebe-Musik hörbar: ihre Ausdruckskraft. Wenn das Mädchen Anna, keineswegs wissend, was es anrichtet, sondern eher in einer Art kindlichem Leichtsinn und schnippischer Arroganz, dem verklemmten und leidenden Hudetz einen Kuß gibt, dieser darob das Signal zu stellen vergißt, wenn bei dem nachfolgenden Zusammenprall zweier Züge achtzehn Menschen sterben müssen, entwickelt Klebe keine direkt melodramatische Musik, sondern verbindet rhythmische Impulse – die beinahe an die symbolischen, allerdings die Klanggestalt fast naturalistisch darstellenden Lokomotivgeräusche in Honeggers "Pacific 231" erinnern – mit einer Klangkombination des unsichtbar bleibenden, nur auf Phoneme summenden Chores.