Wie aus dem diplomatischen Bilderbuch, so sieht er schon aus: grauer Nadelstreifen, dezente Krawatte, weißes Hemd, Ziertaschentuch, hochgewachsen und schlank – auch wenn die Linie mit Joghurt gegen die vielen Kalten Buffets und Festessen gehalten werden muß, die von Dienst wegen zu absolvieren sind. Und nun kommt auch noch hinzu, was nach landläufigen Abziehbildchen die Diplomatenherrlichkeit in der großen weiten Welt ausmacht: Heute ist er in Rio, morgen in Rom – Hans-Werner Graf Finck von Finckenstein, demnächst der neue Protokollchef des Auswärtigen Amtes und damit Zeremonienmeister der Republik.

Den Stellvertreterplatz unter seinem Vorgänger Franz Jochen Schoeller, der im Herbst wieder auf Auslandsposten geht, hat er, im Range eines Gesandten, bereits seit dem Frühjahr ir.ne. Es war, oft buchstäblich, ein fliegender Start, überall war der Graf schon dabei, wo das Protokoll während der letzten Monate seine dezenten Dienste zu leisten hatte: beim Begräbnis Titos, als sich in Belgrad fast der ganze politische Kosmos samt Präsident Carstens und Kanzler Schmidt versammelte; beim Besuch des Kronprinzen von Tonga ebenso wie bei der Visite König Chalids in Bonn; bei der Kanzler-Expedition nach Moskau, bei Giscards Rundreise durch die Bundesrepublik. Die Vorbereitung und protokollarische Exekution des Staatsbesuchs, den der Bundespräsident Mitte Juli in Portugal gemacht hat, war schon ganz sein Werk.

Davon hat er sich, wie man so sagt, ehedem nichts träumen lassen. Eher schien dem Reichsgrafen Finck von Finckenstein anfangs vorgezeichnet, was man das Leben eines Junkers nennen könnte, wäre dieser Begriff, heute nicht polemisch verdorben. Immerhin war er Erbe des väterlichen Ritterguts Ziebingen rechts der Oder,

im Kreis Weststarnberg, mit nicht weniger als 2000 Hektar. Und im Elternhaus, wo ein Generaladjutant des Großen Kurfürsten, ein Generalfeldmarschall und Prinzenerzieher des Alten Fritz zu den Vorfahren zählten, ließ sich alles erst ganz altpreußisch-feudal an: Hauslehrer und Landschulheim. Aber der Krieg, dessen Ende Finckenstein, verwundet, als Fahnenjunker erlebte, hat dann nichts davon übriggelassen.

Für den Junker Finck kam im Rüttelwerk der Nachkriegszeit, nach ein wenig Geschichts-, Literatur- und Philosophiestudium, der Journalistenberuf heraus, halb durch Zufall, halb mit Absicht, erst bei einem Lokalblatt in Bad Kreuznach, dann bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung, der Keimzelle für die Frankfurter Allgemeine. Schließlich führte der Weg zur Welt, in deren Bonner Büro, als diplomatischer Korrespondent. Paul Sethe nennt der Graf seinen geistigen Ziehvater; Eugen Gerstenmaier sagte einmal von Finckenstein, er habe die Literatur in den Journalismus zurückgebracht.

Das war keine pure Schmeichelei. Zum Ausgang der fünfziger und bis weit in die sechziger Jahre hinein gehörte Finckenstein auf der Bonner Bühne zu den großen Reportern, Beobachter und Berichterstatter bei allen bedeutenden Begebenheiten und sämtlichen internationalen Konferenzen – aber nicht geschlagen mit der Berufskrankheit insgeheim zynischer Routine, die der Politik alles schon einmal hat passieren sehen, sondern mit innerem Engagement, beteiligt auch mit Gefühlen. Seine Reportagen etwa über das politische Ende Ludwig Erhards, noch jetzt wie Berichte von einem frischen Ereignis zu lesen, spiegeln viel betroffene; Anteilnahme wider. Die laute Aufgeräumtheit oder die kräftige Lache, die er heute: wie damals um sich verbreiten kann, sie verbergen nur ein bißchen das anteilnehmende und nachdenkliche Gemüt dahinter – so nachdenklich wie die Gedichte, die er in deiner Freizeit schreibt.

Für einen Protokollchef sind das keine schlechten Eigenschaften. Denn bei dessen Aufgaben geht es ja nicht zuletzt um viele menschliche Imponderabilien,’ Schwachen und Eitelkeiten – nicht nur um das korrekte Zeremoniell und den exakten Ablauf, sondern auch um die kleinen Aufmerksamkeiten und Gesten, die dem Staatsgast das Gefühl eingeben, willkommen zu sein. Protokoll, sagt Franz Jochen Schoeller, einer der großen Könner in seinem Fach, ist Wissen und Fingerspitzengefühl. Und sein Nachfolger zeigt sich von den Protokollaria fasziniert, weil sie „in Formen gegossene Außenpolitik“ seien und die berühmten zwischenmenschlichen Beziehungen in der Politik schon immer eine bedeutende, oft entscheidende Rolle gespielt hätten – heute, im Zeitalter der unablässig reisenden Politiker und der persönlichen. Gipfeldiplomatie mehr denn je.

An Hans-Werner Graf Finck von Finckenstein, den journalistischen Schlachtenbummler auf der politischen Szene, trat die Politik selber 1968 heran. Ihre Akteure kannte er ja sämtlich seit langem, und so steht dahin, ob es mehr der damalige Regierungssprecher Günter Diehl, dessen Stellvertreter Conrad Ahlers, der damalige Gesandte in London, Erwin Wickert, Außenminister Willy Brandt selber oder ob sie es alle zusammen waren, die ihn zum Wechsel in den diplomatischen Dienst bewogen, auf Probe, zunächst für drei Jahre.

Aber inzwischen ist die Option, zur Welt zurückkehren zu können, längst verfallen. Auf den Posten des Presseattaches in der Londoner Botschaft folgten die Jahre als stellvertretender Leiter der damaligen Handelsmission in Prag, wo er den Normalisierungsvertrag mit der Tschechoslowakei, die Voraussetzung für reguläre diplomatische Beziehungen, aushandeln half, unter schwierigen politischen Bedingungen. Das Generalkonsulat in Boston dann, die erste selbständige Aufgabe, war ein fesselnder Platz an der amerikanischen Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Politik, im Zentrum der „ivy league“, von Harvard über das Massachusetts Institute of Technology bis zum Dartmouth College. Schließlich ging es im Sommer letzten Jahres zurück in die Zentrale, ins Mittelmeerreferat des Auswärtigen Amtes.

Und nun das Protokoll, und zum Abschluß wohl einmal eine Botschaft. Aus dem Journalisten Finckenstein ist schon lange und endgültig ein Diplomat geworden. Zum Wechsel bewogen hat den inzwischen Vierundfünfzig jährigen mancherlei. Zum einen ganz subjektive Motive, die man heute-, mit dem Stichwort midlife crisis in Verbindung bringen würde, freilich ohne deren dramatischen Akzent. Da war er nun, ganz aus Eigenem, ein gestandener Journalist von großer Reputation geworden, im Zenith dieser Karriere – wie weiter nun, und warum also, als es sich ergab, nicht etwas ganz anderes versuchen? Zum anderen, entwickelte sich, besonders auch während seiner drei diplomatischen Probejahre, der politische Zuschnitt der Welt so, daß Finckenstein, der sich selber einen „ungeheuer liberalen Menschen“ nennt, genügend geistigen Spielraum vermissen mußte. Und schließlich hat sich wohl auch der Preuße am Portepee gefaßt gefühlt: wenn der Staat ruft.

Repräsentation ist nun auch ganz privat vonnöten. Der Staat und sein Protokoll rufen auch die Dame des Hauses. Birgit Gräfin von Finckenstein hat das gerade begonnene Studium der Kunstgeschichte schleunigst wieder aufgesteckt. Privatleben gibt es für beide kaum noch. Das ist der Preis für die Tuchfühlung mit fast allen Großen dieser Welt – zu zahlen, wenn die immer zahlreicheren Besucher der Bundesrepublik „auch in ihren Herzen einen Eindruck mit nach Hause nehmen“ sollen, wie der Graf das möchte.

Die Belastung aber ficht. Finckenstein nicht an. Und der Abschied vom Journalismus reut ihn auch nicht. Oder doch? Manchmal schreibt er, außer seinen lyrischen Arbeiten, so ganz für sich, nur um zu sehen, ob er es noch kann. Da ist der Gedanke natürlich nicht weit, einmal zwischen Buchdeckeln auszubreiten, was ihm in der journalistischen und diplomatischen Welt, diesseits und jenseits der Barrikade zwischen Journalismus und Politik, alles vorgekommen ist. Listig und fröhlich blinzelt er bei diesem Gedanken über den Rand seiner Lesebrille, die vor dem runden Ostelbierkopf schwebt wie Filigran. Und ganz nahe läge natürlich der Titel solcher Memoiren – etwa: Zu Protokoll.

Carl-Christian Kaiser