Lübeck

In Lübeck war das schon immer so: Wer Geld hat – und das sind fast ausnahmslos die Kaufleute – erwirbt irgendwann das Haus des weniger glückvollen Nachbarn, bricht die Verbindungswand durch, baut die hinteren Flügelhäuser um oder reißt sie ab, erneuert die Fassade im Stil der Zeit und läßt sich nach getaner Arbeit von Freunden und Nachbarn bewundern, von Konkurrenten beneiden. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Jahrhunderte in der Altstadt zwischen Holstentor, Marienkirche, Dom und Heiligen-Geist-Hospital sehenswerte Straßenzüge mit Häusern unterschiedlichster Fassaden.

Heute, im 20. Jahrhundert, gereicht es niemandem zur Ehre, sein altes Haus einfach umzufrisieren. Erstens, weil die zeitgenössischen Architekten wenig Schönes entwerfen und weil darum zweitens viele Bürger ihre historische Altstadt erhalten wollen. Zumindest das, was der Krieg, was vor allem die Abbruch-Orgien der Wirtschaftswunder-Epoche von ihr übrig gelassen haben.

Es gibt darum Lübecker, die sich in der Bürgerinitiative "Rettet Lübeck" (BIRL) zusammengetan und die Altstadt systematisch durchnumeriert haben, weil sie allen anderen mißtrauen. Vor allem den von ihnen gewählten Kommunalpolitikern, den städtischen Sanierungsgesellschaften, den Kaufleuten und auch dem Denkmalpfleger, von dem gesagt wird, er und sein Stellvertreter seien wie Schmetterlingsjäger: Ein historisches Haus, von ihnen mit einer Mini-Klick eingefangen, katalogisiert und archiviert, interessiere die beiden Kunsthistoriker nach dieser Art der Konservierung nicht weiter und könne danach ungestört vom Besitzer modernisiert, beziehungsweise verschandelt werden.

Jedoch, die zwei haben es wahrlich schwer. Mit einem Groschen-Etat von jetzt 500 000 Mark stehen sie einer Altstadt gegenüber, die mit rund zweieinhalb Milliarden Mark zu retten wäre, haben sie es mit Althaus-Besitzern zu tun, die gar zu gern des Nachts abreißen. So geschehen Ende Mai.

Da krachte eine Vorstadt-Villa am Freitagabend zusammen. Ein hübsches Haus mit kleinteiligen Fenstern, Ende der Gründerjahre gebaut. Es sollte in Teilen unter Denkmalschutz gestellt werden. Ohne Genehmigung hatte die Erbengemeinschaft "Weba" dem Lübecker Abbruchunternehmer Fred Wienecke einen Auftrag erteilt. Und der hatte noch am selben Abend mit dem Schaufelbagger Kurs auf die Villa genommen, "weil man, am besten gleich anfängt, sonst wird einem der Auftrag womöglich wieder entzogen". Bürgermeister und Bauaufsichtsamtsleiter, die sofort an den Tatort eilten, standen vor einer riesigen Staubwolke.

Ähnliches geschah im Zentrum der Altstadt, dazu auf dem Grundstück eines der ältesten Lübecker Häuser in der Königstraße 30. Der beim Nachbarn beschäftigte Bagger räumte gleich mehrere Höfe auf und riß dabei dem denkmalgeschützten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Bürgerhaus einen hinteren Flügelbau weg. Die Lübeck-Retter waren entsetzt, die Besitzerin, Anny Friede, war es nicht. Der Abbruchunternehmer schaffte das Gerümpel auf eine Müllhalde jenseits der Grenze zur DDR; Balken, Sprossenfenster, über 500jährige Klosterformatsteine, handgefertigt, das Stück heute neu für vier Mark.