Das Berliner Kupferstichkabinett ist berühmt für seine altdeutschen Zeichnungen. Daß es auch auf dem Gebiet der italienischen Zeichnung zur Spitzengruppe der europäischen Museen gehört, war bisher eigentlich nur Fachleuten bekannt. In einem Bildband wird dieser Bestand zum erstenmal publiziert. Er enthält 140 Zeichnungen vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Namen wie Pisanello, Giovanni Bellini, Mantegna, Raffael, Michelangelo, Tizian oder der Ferrarese Cosme Tura, von dem überhaupt nur vier gesicherte Zeichnungen in London, Florenz, Rotterdam und Berlin existieren, kennzeichnen das Niveau der Sammlung.

Obwohl keineswegs systematisch, nach kunsthistorischen Aspekten aufgebaut, dokumentiert die Sammlung sowohl die verschiedenen Epochen, von der Gotik bis zum Klassizismus wie die regionalen Schulen mit erlesenen Beispielen. Da gibt es zum Florentiner Quattrocento etwa Bildhauerzeichnungen von Pollajuolo und Verrocchio sowie ein Studienblatt von Filippino Lippi, mit dem Metallstift gezeichnet und mit dem Pinsel weiß gehöht. Ghirlandajo ist mit der voll ausgearbeiteten Vorzeichnung zu einem Fresko aus seinem Franz-von-Assisi-Zyklus für Santa Trinita in Florenz vertreten. Botticellis Dante-Illustrationen schließlich gelten mit Recht als das non plus ultra in der Zeichenkunst des Quattrocento. Sie waren für eine Prachthandschrift der „Divina Commedia“ für Lorenzo di Pierfrancesco de’Medici gedacht und sind heute auf die Museen von Dahlem und Ostberlin und die Vatikanische Bibliothek verteilt. Das Dahlemer Kabinett besitzt 28 dieser Illustrationen, zwei davon wurden in den Band aufgenommen.

Man fragt sich, wie all diese italienischen Meisterzeichnungen nach Berlin gelangt sind. Im Einleitungskapitel von Peter Dreyer, der den Band herausgegeben und die Blätter ausgesucht und vorzüglich kommentiert hat, kann man nachlesen, daß Glück und Zufall hier offenbar mehr zustande gebracht haben als der sogenannte Kunstverstand. Wer wußte schon, daß bereits der Große Kurfürst den Grundstock für die Sammlung gelegt hat, indem er von seinem kunstsinnigen Vetter über 2500 Aquarelle und Zeichnungen teils gekauft, teils geerbt hat. Unter Friedrich Wilhelm I., dem musischer Neigungen unverdächtigen „Soldatenkönig“, sind exzellente, italienische Blätter dazugekommen, während Friedrich II. mehr an zeitgenössischer französischer Malerei als an der italienischen Zeichnung interessiert war. Die sensationellen Erwerbungen fallen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch die Sammlung des preußischen Generalpostmeisters Nagler, die Friedrich Wilhelm III, für 92 333 Reichstaler ankaufen läßt, erlangt Berliner Kabinett Weltrang. 1845 sind dann noch einmal 95 Bände mit über 7000 italienischen Zeichnungen aus dem Nachlaß des römischen Bildhauers Pacetti hinzugekommen, die dem Kupferstichkabinett seine Vorrangstellung endgültig gesichert haben.

Mit diesem Band beginnt der Belser Verlag eine neue Reihe über die europäische Zeichnung in den führenden Museen der Welt. Wenn die nächsten Bände in der Qualität der farbigen Und Schwarzweiß-Wiedergaben und im Kommentar ebenso gut geraten, dann, erhalten die Liebhaber der Zeichnung endlich: das Standardwerk, von dem sie bisher nur geträumt haben. (Peter Dreyer: „Kupferstichkabinett Berlin – Italienische Zeichnungen“; Reiser Verlag, Stuttgart; 280 S. mit 140 Abb.; 128,– DM) Gottfried Sello