Das Programm der Seebäder in diesem Regensommer

Von Sibylle Zehle Vor dem Ferienzentrum Heiligenhafen mischt sich das Plätschern künstlicher Wasserspiele in das kräftige Rauschen des Regens. Die Autos schießen schmutzige Fontänen auf die Gehsteige. Feine Wasserfäden rinnen von Sonnenschirmen und Fahnenmasten. Die Menschen haben keine Gesichter mehr, nichts als gelbe Ölhaut unter den Schirmen. Die Ostsee ist grau, sehr grau, und es scheint, daß sogar die Möwen matter schreien.

Und dann: „Ein Rausch in Farben und Musik.“ Heiligenhafen erwartet: „Madame Chatou und ihre Ladyboys aus Paris.“ – Der Kursaal im Ferienzentrum, ein paar Kilometer von dem beschaulichen Hafenstädtchen entfernt, faßt 600 Menschen. Es ist ein Mehrzweckraum. Nächste Woche wird „die Bestuhlung“ beiseite geräumt, wenn die Freiwillige Feuerwehr Heiligenhafen den „Öffentlichen Festball aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens“ feiert.

Doch jetzt – Tusch – kommen die Pariser Transvestiten. In ihrer Kostümschau kämpft Zarah Leander mit dem Gebiß, beschwört Ivan Rebroff, so schlank wie nie, die „Russische Saale“ und singt Marlene Dietrich, oh Laie, „Lili Marken“. Aber plötzlich, ganz unerwartet, sind die Verkleidungskünstler nur noch Selbstdarsteller; schön und selbstbewußt, erotisch und weiblich aufregend weiblich.

„Dat muß bei dem wechoperiert sein“, rätselt ein Zuschauer über Sergio, der knisternder, biegsamer, schmiegsamer war als Shirley Bassey in ihren besten Tagen. „So wat jibbet“, sagt der Mann zu seiner Frau. Und die meint auch: „Also diese, dat is’ doch keene Mann. Jeht doch jar nich’ – dat kleene Hös’ken.“

Wie dem auch sei: Freundlichen Beifall gab es und sehr viel Gelächter, mal laut, mal ein bißchen verschämt angesichts der nackten Männer-Popos auf der Bühne; aber alle waren fröhlich. „Vom Fernsehen is’ man ja dat jewöhnt“, hatte fast verschwörerisch die alte Dame auf dem Nebensitz geflüstert, „also ich meine, de freiere Sitten.“

Aufgeräumt strömt Madame Chatous Publikum anschließend ins „Sudhaus“ oder in die „Rauchkate“, gleich nebenan. Da gibt es – 7,50 Mark, das Sonderangebot des Tages – „Hackfleisch à la Meier“.