Nach chilenischem Muster hat in Bolivien eine Militärjunta die Macht übernommen. Die Präsidentin Lydia Gueiler erhielt Asyl in der Nuntiatur der Hauptstadt La Paz. Über das Land wurde der Belagerungszustand verhängt.

Die südamerikanische Republik Bolivien ist eines der politisch, wirtschaftlich und sozial unstabilsten Länder der Welt. Die Militärputsche seit Loslösung von der Kolonialmacht Spanien vor fast 155 Jahren waren so zahlreich, daß niemand ihre genaue Zahl nennen kann – man sagt, es seien um die zweihundert gewesen.

Das Land der fünffachen Größe der Bundesrepublik, in dem wenig mehr als 6 Millionen Menschen leben, ist gleichzeitig eines der ärmsten und der unwegsamsten der Welt. Die Bergketten der Anden ziehen sich auf dem größten Teil des Staatsgebietes von Nord nach Süd, dichter Urwald bedeckt überwiegend den Osten und nur im Südosten sind Farmen mit großen Weideflächen für Rinderherden angelegt.

Der einzige Reichtum der Republik, Zinn und andere Edelmetalle, kann nur unter erschwerten Bedingungen exportiert werden. Er wird über Fremdterritorium zu chilenischen Pazifikhäfen befördert, seit das benachbarte Land vor hundert Jahren im Salpeterkrieg die Küstenregion Boliviens okkupierte. Kein Machthaber in der viertausend Meter hoch gelegenen Hauptstadt La Paz hat sich je mit diesem Verlust abgefunden, der Konflikt mit Chile schwillt weiter.

Gerade wegen der außerordentlichen Armut des Landes haben die Bauernorganisationen und Gewerkschaften in Bolivien – das der dort ermordete Revolutionär Che Guevara erfolglos als Ausgangspunkt des Umsturzes für Lateinamerika wählte – eine starke Stellung. Sie begehrten in der Vergangenheit immer wieder gegen Regierungen auf. Sie erzwangen sogar durch Generalstreiks deren Rücktritt. So war es auch bei dem Putsch im Herbst 1979, den ein Oberst Natusch anführte. Er wollte einen legalen Präsidenten verdrängen, wurde aber schon nach 16 Tagen fortgejagt.

Die liberalkonservative Politikerin Lydia Gueiler, die als Nachfolgerin Natuschs vom Parlament als zweite Frau in Lateinamerika auf einen Präsidentenstuhl gesetzt wurde – nach Isabel Perón in Argentinien –, schaffte es, ihr Amt ohne Unterbrechung bis zur allgemeinen Wahl am 29. Juni 1980 zu behaupten.

Gewinner der Wahl wurde der Linkskandidat Hernan Siles Zuazo. Er hatte die Unterstützung der Massenorganisationen, bekam aber keine absolute Mehrheit, so daß – laut Wahlgesetz – das Parlament Anfang August ein Staatsoberhaupt bestimmen sollte. Seine Wahl schien bisher sicher, weil die Fraktion des zweitstärksten Mannes und Gueiler-Parteifreundes Victor Paz Estenssoro ihn stützen wollte. Die Selbstblockade der seit Jahren uneinigen Zivilpolitiker schien damit beendet.