Von Sibylle Zehle

Was treibt alljährlich Millionen von Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung? Was läßt sie mit stoischem Gleichmut Abertausende von Kilometern bewältigen, mit Geduld und Galgenhumor stundenlange Wartezeiten auf den Autobahnen, an Grenzübergängen, auf Flugplätzen ertragen? Welche Sehnsüchte und Erwartungen lösen diese zwanghafte Völkerwanderung aus?

„Blinde, unartikulierte Auflehnung gegen den Alltag“ signalisiere dieser stete Zug der Millionen in die Ferne, hat Hans Magnus Enzensberger einmal geschrieben: „Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit...“

Enzensbergers These, der Urlauber sei vier Wochen im Jahr auf der Suche nach einer Gegen- und Wunschwelt, ist noch nicht so verstaubt wie die Ausgabe der Zeitschrift „Merkur“, in der sie 1958 erschien. Auch neue Untersuchungen über Motive und Erwartungen der Ferienreisenden berufen sich auf das knappe, brillante Essay („Eine Theorie des Tourismus“) – wenngleich Soziologen und Psychologen die Reiselust, des Freizeitmenschen heute etwas differenzierter deuten.

– Sie wird nicht mehr allein negativ – mit einer „Weg von“-Motivation – erklärt (weg von Monotonie, Lärm, Hast, Streß), sondern auch positiv – mit einer „Hin zu“-Motivation (Eindrücke sammeln, Horizont erweitern ...). Die Wissenschaftler fügen freilich hinzu, daß nur wenige den Urlaub als Ergänzung zum Alltag zu schätzen wissen: die bewußten, aufgeklärten Zeitgenossen nämlich, welche ihre Selbstverwirklichung ohnehin schon im täglichen Leben erfahren. Paradox: Ferien als Bereicherung erleben gerade jene, die von den „kostbarsten Wochen des Jahres“ überhaupt nicht verlangen, daß sie die kostbarsten des Jahres sein müßten.

Abhandlungen über den Tourismus tauchen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf: zumeist nörgelnde Traktate, in denen Bildungsbürger beklagen, daß außer ihnen auch noch andere reisen – und sich dabei auch noch auf einfältigste Weise amüsieren. Enzensberger hat derlei elitäre Schelte treffend eine „Denunziation des Tourismus“ genannt, die sich als Kritik geriere. Viel hat sich seitdem nicht geändert. „Hier wird nicht über das lange verweigerte und erkämpfte Recht anderer nachgedacht, auch Urlaub und Ferien zu machen. Statt dessen werden die Verhaltensweisen der anderen Touristen belächelt; das eigene, meist ähnliche Verhalten wird so verschleiert“, schreiben die Tourismusforscher Prahl – und Steinecke (Der Millionen-Urlaub, 1979). „Wer auf die Seychellen fährt, hält sich für einen Individualisten im Vergleich zum Massentouristen, der nach Mallorca fliegt.“ Bleibt hinzuzufügen: Und der Rucksack-Freak, der mit dem Charterflugzeug nach Indien fliegt, hält sich für „alternativ“ im Vergleich zum Einzelreisenden, der im „Beach Hotel“ nächtigt.

Doch warum reist der Mensch? Diese Frage haben die Freizeitforscher erstaunlich lange vernachlässigt. Erst Anfang der siebziger Jahre hat der „Starnberger Studienkreis für Tourismus“ in seiner jährlich erscheinenden „Reiseanalyse“ begonnen, Motive aufzuschlüsseln und ihren Wandel zu registrieren.