Am 30. April 1970 überschritten amerikanische und südvietnamesische Truppen die kambodschanische Grenze, um die „sanctuaries“, die Rückzugsbasen der Nordvietnamesen im Papageienschnabel, anzugreifen.

Schon ein Jahr zuvor hatte die amerikanische Luftwaffe begonnen, Gebiete in den kambodschanischen Ostprovinzen, an Vietnam und Laos grenzend, mit B-52-Staffeln zu bombardieren. Operation „breakfast“ war geheim. Mit Wissen, des Weißen Hauses fälschten Luftwaffenoffiziere Flugberichte, um den Verstoß gegen die eigene Verfassung und die Verletzung der kambodschanischen Neutralität zu verheimlichen.

Als nach der Luftwaffe auch die Armee die Kampfaktionen auf Kambodscha ausdehnte, um – das darf nicht verschwiegen werden – nordvietnamesische Einheiten zu verfolgen, die als erste nach Kambodscha eingedrungen waren, erlebte Amerika einen atemberaubenden Extremfall seiner Geschichte: Der Präsident befahl die Invasion eines neutralen Landes; er schickte die Armee in einen Krieg, ohne dazu die parlamentarische Legitimation erhalten zu haben. Am Nachmittag des gleichen Tages, des 30. April 1970, erläuterte Richard Nixon seine Entscheidung in einer Fernsehansprache, deren Stellenwert an der „Checkers“-Rede, der vermeintlich letzten Pressekonferenz und der Abschiedsrede vor den Mitarbeitern des Weißen Hauses, gemessen werden kann.

Nixon begann mit der Lüge, daß Amerika in den vergangenen fünf Jahren die Neutralität Kambodschas skrupulös respektiert hätte und bislang keinen Angriff auf die „sanctuaries“ unternommen hätte. Der jetzt befohlene Einmarsch erfolge „nicht zum Zweck, den Krieg nach Kambodscha auszudehnen, sondern zum Zweck, den Krieg in Vietnam zu beenden“. Amerika werde Kambodscha Hilfe gewähren, damit es seine Neutralität verteidigen könne „und nicht zum Zweck, es zu einem aktiven Kriegspartner auf der einen oder anderen Seite zu machen“.

An Hand von Dokumenten

Schon damals hat die Rede Nixons ein zwiespältiges Echo gefunden. Daß die Befürchtungen der Kritiker aber längst nicht an die Realität heranreichten, daß eine amoralische und unvernünftige Strategie verwirklicht wurde, die keine Rücksicht kannte für Kambodscha, dokumentiert das Buch von

William Shawcross: „Schattenkrieg. Kissinger, Nixon und die Zerstörung Kambodschas“, aus dem Amerikanischen von Irmela Arnsperger / Erwin Dunker. Ullstein Verlag, Berlin 1980; 480 S., 36,– DM.