Von Karin Struck

Plötzlich steht er hinter mir, Ich bin bei der Gartenarbeit, zupfe Unkraut, lockere den Boden mit dem Sauzahn und höre plötzlich Seine Stimme, und ich sage automatisch guten Tag, obwohl ich ihn bisher aus lauter Angst nie gegrüßt habe, einen weiten Bogen um ihn; gegangen, auf die andere Straßenseite übergewechselt bin,, wenn ich ihn kommen sah, oder angestrengt zur anderen Seite gesehen habe, wenn ich ihm nicht mehr ausweichen konnte.

Ich habe einfach eine unheimliche Angst vor ihm, er ist mir unheimlich, und ich steigerte mich anfänglich immer mehr in die Phantasie hinein, daß eine Gefahr von ihm ausginge. Es war, wie wenn die alte Kinderangst wieder auflebte, vor allem Denken- und, Urteilenkönnen in mich eingepflanzt: die Angst vorm schwarzen Mann. Oder die Angst vor dem Kornmann, die Mutter mir eingepflanzt hatte – als ich sieben war und zwischen Kornfeldern hindurch zur Schule ging –, um mich abzuschrecken, ins hohe Kornfeld zu gehen, da es vorkam, daß Kinder sich darin verloren, verirrten und umkamen.

Er ist dürr, eine schmale, hagere Gestalt, knoig im Gesicht, und seine Erscheinung beschwört noch einen anderen Angstmann der Kindheit herauf, jenen Mann, der auf einer Lichtung beimSpielen gehen allein mich ansprach und mich auf sein Fahrrad einlud und mir Schokolade versprach, und ich rannte und rannte, und der später dann aus dem Walde, der neben dem Schulweg herging, böse rief: „Ich krieg dich doch noch, ich krieg dich doch noch!“, und ich wußte später nicht, ob dieses Rufen nun wirklich geschehen oder nur meine Alptraumangst oder ein Traum gewesen war.

Seine Haut, ist wie Pergament, er lächelt immer, er erinnert mich an eine Mumie, er sieht irgendwie alterslos aus, obwohl er so um die 45 sein wird. Dieses Lächeln wirkt künstlich und konserviert, hat irgendwie etwas Totenhaftes wie das Lächeln der Toten in den amerikanischen funeral homes, doch vermittelt es den Eindruck, als wäre er ständig und immer guter Laune und nichts könne seinen Sinn trüben. Aber dieses Lächeln, das ist ja nicht das Schlimmste, nein. Am frühesten Morgen schon ist er unterwegs, er ist immer unterwegs, „umtriebig“ würde ihn mein Vater nennen. Ich kann sicher sein, wenn ich morgens gegen sechs die Vorhänge aufziehe, höre ich von fern sein Singen, ja sein irres Singen, oder ich höre schon am entfernten Matt seiner Schritte auf der menschenleeren Straße, daß er’s ist.

Dieses irre Singen ist das Fürchterlichste, Der singt immer so laut, dann halt ich mir immer die Ohren zu, sagte ein Nachbarskind, o nein, der singt immer so laut und so komische Lieder, In der ersten Zeit hatte ich Wut gespürt, seltsame, mir gar nicht entsprechende Reaktionen und Gefühle: Warum darf der frei rumlaufen, warum darf der mir Angst einjagen? Ich könnte mir das doch auch nicht erlauben, so irre singend rastlos tagaus, tagein durch die Gegend zu gieren. Das waren meine Gedanken. Die Vorstellung von einer Antipsychiatrie, die Vorstellung, daß Menschen, die „nicht ganz dicht waren“, wie Franz sagt, und die sogenannten Gesunden nicht in Gettos, sondern friedlich miteinander lebten, war weit entferne, von meinen Kinderängsten zugeschüttet, Er stört doch keinen, er tut doch keinem was!, sagt Franz, Doch, sagte ich, er stört mich, er jagt mir Angst ein, er ist für mich ein Horror, Ich sehe morgens aus dem Badezimmerfester, und er durchirrt schon wieder den Ort, alltags wie sonntags.

Wie aus dem Ei gepellt