Von Jürgen Kolbe

Wer ihn sprechen hört, was nicht einfach erzählen heißen darf, sieht sich unversehens und unentrinnbar in den Bahn schneller, jenseits aller denkbaren Korrektur präziser Sätze geschlagen, spürt sich geradezu magisch einbegriffen in den Vorgang der mündlichen Aufzeichnung. Hier entäußert sich nicht einfach ein immens Gebildeter seines atemberaubenden Wissens von Menschen und Büchern. Diese Präsenz ist nicht für sich da, kein sich selbst darstellendes Meistertum. Canetti spricht aus Neugierde für sein Gegenüber, hat, wenn er redet, den anderen in sich aufgenommen, ihn zu eigen gemacht, erkannt: Nur so wird er, der menschenfreundliche Magier, den anderen ändern können. Das, genau das will er. Sprechend, schreibend. Der mag sich zeigen, der diesen Verwandlungen entkommen wäre.

Deshalb kann der zweite Teil dieser Lebensgeschichte

Elias Canetti: „Die Fackel im Ohr“ – Lebensgeschichte 1921–1931; Carl Hanser Verlag, München; 338 S., 34,– DM,

die nach der Beschreibung einer Jugend, „Die gerettete Zunge“ (1977), nun zu lesen ist, nicht einfach im Kanon des Autobiographischen begriffen werden (so wenig es sich übrigens, wie der Verlag das Buch ankündigt, um einen „Entwicklungsroman“ handelt). Natürlich ist es an sich schon interessant, das Leben des Schriftstellers Elias Canetti von ihm geschrieben zu lesen: Nachrichten von Rang sind allemal gewiß. Selbstverständlich spiegelt sich auch hier das Werk, das entstehende, in den so entscheidenden Lebensabschnitten vom 16. bis 26. Jahr. Alles ist angelegt, im Keim fertig: Von der „Blendung“ bis zu „Masse und Macht“. Doch was wiegt die autobiographische Kommentierung selbst eines bedeutenden Lebenswerkes gegen die Chance des Lesers, die Anverwandlung von Welt in einzigartiger Intensität mitzuvollziehen.

Die Aneignung der Welt im Kopf – Canetti, der Lesende, bezieht uns Leser zunächst in einen Bildungsvorgang klassischer deutscher Tradition ein: „Noch war es mein Wunsch, alles zu erfahren und mir anzueignen, was es an Wissenswertem auf der Welt gab...“ Das ist Wilhelm Meisters zugreifender Gestus, geistiger, körperferner zwar als dieser, aber mit derselben beharrenden Leidenschaft mehr für die Erkenntnis als für die Erklärung der Welt.

Mit Verachtung muß der Sechzehnjährige reagieren, als ihm ein nicht umsonst so geheißener „Herr Hungerbach“, dem auch noch der Respekt der Mutter gehört, nahelegt, „die Bücher wegzuwerfen, das ganze Zeug zu vergessen. Alles, was in Büchern stände, sei falsch, nur das Leben selber zähle...“. Aber für den jungen Canetti, der in der Frankfurter Pension Charlotte unter solchen Sätzen wenigstens ebenso leidet wie unter dem Abschied vom geliebten Zürich, gibt es die schiere Empirie des Lebens nicht, und auch nicht die der Literatur. Seine Art, sich die Welt über das Gedachte, Geschriebene, Gehörte und Gestaltete aufzuschließen, ist nicht die Nachahmung, sondern eine geradezu magische Anverwandlung von Menschen und ihrem Geist.