Die Entwicklung der Hochschulen in die 90er Jahre

Von Wilhelm A. Kewenig

Wie verteidigen die Hochschulen sich gegen die – vielfach von den Gerichten erzwungenen – Reglementierungswut der Kultusbürokratie und ihres politischen Umfelds? Wie erreicht man, daß Eigeninitiative, Wettbewerb und Freiraum die Stichworte für die Hochschulentwicklung in die 90er Jahre hinein werden? Wie machen die Hochschulen den Parlamenten klar, daß sinkende Studentenzahlen allein eine Kürzung der Haushaltsmittel nicht rechtfertigen? Wird es gelingen, in der politischen Öffentlichkeit deutlich zu machen, in welchem Umfang gerade die Universitäten bis zum Ende dieses Jahrzehnts Überlast zu erbringen haben und wie sehr darunter die Aufgaben in der Forschung gelitten haben und leiden? Wie retten wir die Einheit von Forschung und Lehre, die über mehr als ein Jahrhundert die deutsche Universität so positiv von den Universitäten anderer Länder unterschieden hat, als Grundkonzept in die 90er Jahre hinüber?

Was machen die Universitäten dann aber mit den vielen Hochschullehrern, die wir in der Zeit der forcierten quantitativen Expansion auf Lebenszeit eingestellt haben, die aber, aus welchen Gründen auch immer, den Anforderungen des Konzepts von der Einheit von Forschung und Lehre nicht gerecht werden können, selbst wenn sie es wollten? Werden wir, ohne gleich des Rückfalls in phantasielose Restauration geziehen zu werden, die fragwürdige Idee von der sogenannten Gruppen-Universität tatsächlich in Frage stellen dürfen? Werden die Universitäten sich erfolgreich zur Wehr setzen können gegen die gegenwärtig gerade grassierende Vorstellung, eine der wichtigsten Unterscheidungen überhaupt sei die zwischen gesellschaftsrelevanter und nicht gesellschaftsrelevanter Forschung?

Hierarchie des Verdienstes

Wie, machen sie erneut verständlich, daß erstklassige wissenschaftliche Arbeit in Bereichen, die sozial irrelevant erscheinen, im Ergebnis selbst dann, wenn man das Kriterium der Sozialrelevan? anlegt, gewichtiger und produktiver ist als das durch Geld und gute Worte angetriebene, aber zweitklassige Bemühen in Bereichen von scheinbar offensichtlicher gesellschaftlicher Relevanz? Wie erreicht es die Bildungspolitik, auch in den Hochschulen selbst wieder die Vorstellung populär zu machen, daß Ausbildung und Bildung zusammengehören und daß insbesondere die Aufgabe der Universität eben nicht nur darin besteht, exquisite Fachidioten zu produzieren und promovieren? Peter Glotz sprach jüngst zu Recht von der Notwendigkeit der „Einübung jener aufs Praktische. gerichteten Fragefertigkeit, ohne die weder ein Arzt noch ein Jurist, weder ein Lehrer noch ein Volkswirt je zu seiner Identität findet“.

Wie stellen wir die innerhalb der einzelnen Hochschule weithin zerstörten Kommunikationsstränge zwischen den einzelnen – und vereinzelten – Individuen wieder her? Wie vertreiben wir die allgemeine Scheu, sich zu einer Hierarchie des Verdienstes zu bekennen? Wie bringen wir zuwege, innerhalb der Hochschule wieder ohne schlechtes Gewissen ein System zu praktizieren, das ebenso selbstverständlich Intelligenz und Fleiß belohnt wie es Dummheit und Faulheit bestraft, und zwar auf allen Ebenen?