Lindschied/Taunus.

In Lindschied im Taunus sind die Bewohner sauer. Mitten hinein ins Dorf, wo Bauern leben und sich Großstadtmüde ihr Wochenendhäuschen bauten, sollen Fixer ziehen: auf ein großes Areal, auf dem alte, verfallende Villen stehen, wo die Lindschieder Jugend ihren Treff hat, die Gutsituierten Tennis spielen. Im Dorfgasthaus herrscht Empörung. Da kann Hessens Sozialminister Armin Clauss (SPD) ihnen noch so sachlich die Probleme schildern: Drogenabhängige seien Kranke, die der Heilung bedürften. Das ändert nichts an der Wut und der Frage: Warum ausgerechnet in unserem Dorf?

Mit solchen Widerständen hat der Sozialdemokrat Clauss gerechnet, unter dessen Federführung das Land Hessen in puncto Drogenproblematik nicht mehr kleckern, sondern fortan klotzen will. 60 Millionen Mark wird das ehrgeizige Programm kosten, mit dem das Land eine kostspielige Kür aus jener Pflicht gemacht hat, in die der Bund die Länder nunmehr nimmt: Nach der Verabschiedung des erweiterten Betäubungsmittelgesetzes mit seinem Schwerpunkt „Therapie statt Strafe“ müssen die Länder Therapieplätze zur Rehabilitation Drogenkranker schaffen.

Der Streit um Lilly, wie das Lindschieder Projekt nach dem Namen einer der Villen heißt, scheint symptomatisch für die „Ohne-mich“-Einstellung vieler Kommunen und Institutionen: Nach der 77er Kommunalwahl in Hessen, als vielerorts Christdemokraten Sozialdemokraten auf den Rathaussesseln ablösten, wurden zahlreiche städtische Einrichtungen der Jugend- und Drogenabhängigen-Hilfe geschlossen. Sie galten als links, und – wo dieser Vorwurf nicht öffentlich erhoben wurde – zumindest als uneffizient. Während die städtischen Einrichtungen als Kostenstelle von den Haushaltslisten ersatzlos gestrichen wurden, erfreuten sich die freien Träger immer größerer Beliebtheit bei Magistraten und Stadtverordneten.

Frankfurt mag hier als Beispiel gelten. Die Stadt, die sich in den vergangenen Jahren zum größten Drogenumschlagplatz Europas entwickelte, machte noch im vergangenen Jahr unter der Regie von Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) eine Wohngemeinschaft für Suchtgefährdete, ein Therapiezentrum für Abhängige und eine Schlafstätte für heimatlose Süchtige dicht – ohne bislang Ersatz geboten zu haben.

Auf freie Träger, wie den großen Frankfurter Verein Jugendberatung und Jugendhilfe, setzt nun Armin Clauss. Den Städten und Gemeinden hat er andere Aufgaben zugedacht. In dem Programm wird den Kommunen vornehmlich der Bereich der Vorbeugung zugewiesen. Das Netz der Erziehungsberatungsstellen soll beispielsweise engmaschiger geknüpft werden. Die kommunalen Ausländerbehörden werden aufgefordert, unter den Dealern für ständige Unruhe zu sorgen. Die Landesregierung läßt derzeit auch die rechtlichen Voraussetzungen dafür prüfen, Ausländer nach dem ersten Vorfall sofort auszuweisen. Asylanträge von Drogenstraftätern sollen abgelehnt werden und gewährtes Asyl verwirkt sein.

Auch wenn solche Vorstellungen von einer härteren Gangart gegen Dealer einen großen, Raum in dem Programmpapier in Anspruch nehmen, bildet doch die Forderung nach einer lückenlosen Therapiekette Süchtiger das Kernstück des Mammutvorhabens. Ihre Glieder sind die Beratungsstellen in den Städten, körperliche Entgiftung der Abhängigen in Kliniken, Unterbringung in den psychiatrischen Abteilungen, Heilung in den Langzeittherapieeinrichtungen, das Wohnen in Nachsorgegemeinschaften und die Hilfe in späteren Krisen der vormals Abhängigen. Das alles kostet jedoch viel Geld. Was noch vor zwei Jahren unmöglich war, die Finanzierung eines solchen Millionenprogramms nämlich, scheint inzwischen gesichert. Die SPD/FDP-Regierungskoalition hält den Katalog für stufenweise verwirklichbar, die CDU-Opposition hat ihre Bereitschaft signalisiert, an der Realisierung des Werks mitzuarbeiten. Solche Zusagen entsprechen dem Stellenwert, den das Rauschgiftproblem der Jugend inzwischen in der öffentlichen Diskussion einnimmt.