Von Hermann Bößenecker

In einem großen unzugänglichen und schwer einsehbaren Grundstück in München, in der Nähe des Hauptbahnhofs zwischen der Spatenbrauerei und dem Augustinerkeller gelegen, steht die Villa eines der reichsten Männer der Stadt – und nur wenige Eingeweihte wissen davon. Denn hinter hohen Mauern und Zäunen schirmt sich der 72jährige Rudolf Wagner mit äußerster Perfektion von der Außenwelt ab. Der menschenscheue Unternehmer ist Alleininhaber von Münchens „feinster“ Brauerei, der Augustiner-Brauerei. Die „Augustiner-Bräu Wagner“ (in der Rechtsform der Einzelfirma), die als ihr Gründungsjahr 1328 angibt, hat bis heute als Bayerns älteste und größte Privatbrauerei allen „Umarmungen“ durch Größere widerstanden und hat dabei offenbar erfolgreich gewirtschaftet.

Praktisch „ohne Werbung und Konzept“, meint ein Branchenkenner, ist der Bierausstoß in den letzten Jahren kontinuierlich weiter gewachsen, unberührt von der Stagnation der Branche. Augustiners „Edelstoff“, wie die Prestigesorte mit Exportqualität seit Jahrzehnten heißt, erwies sich bis heute als Selbstläufer, der auf Werbeanstrengungen weithin verzichten konnte. Ein Kenner der Münchner Brauwirtschaft meint, dies komme durchaus der Mentalität mancher Verbraucher entgegen, die auf allzuviel Reklamerummel eher sauer reagierten („Die haben’s nötig“).

Der Augustiner-Ausstoß hat sich in den letzten fünfzehn Jahren annähernd verdoppelt. Mit heute über 300 000 Hektoliter liegt er weit über dem des staatlichen Hofbräuhauses, heute Schlußlicht der sechs verbliebenen Münchner Großbrauereien. Anfang der sechziger Jahre rangierte das Hofbräuhaus noch mit deutlichem Abstand vor Augustiner. Das Gros des Augustiner-Biers wird über die Gastronomie vorwiegend „um den Schornstein herum“ abgesetzt. Beschäftigt werden etwa 250 Angestellte und Arbeiter.

„Offiziell“ erfährt man über die Geschäfte des Familienbetriebs überhaupt nichts, man ist auf Schätzungen und Vermutungen angewiesen. Wagners Direktor Ferdinand Schmid, ein Rechtsanwalt, der sich früher als Geschäftsführer des Vereins Münchner Brauereien und danach als Versandchef bei Löwenbräu recht kommunikationsfreudig in der Münchner Wirtschafts-Schickeria bewegte, hat offensichtlich strikte Anweisung vom Boß, jedes Gespräch mit Journalisten zu meiden – und er befolgt diese Instruktion.

Es ist allerdings ein Märchen, wenn kolportiert wird, Wagner würde selbst mit seinen Direktoren nur über eine Sprechanlage verkehren. Der „Howard Hughes“ der Münchner Brauzunft, der ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert haben soll, kümmert sich – in seiner Art – durchaus um seine Brauerei, und ohne geschäftliche Besprechungen geht das nun einmal nicht. Auch heute dürften aber die Stehpulte, die früher in den biederen Direktionszimmern in dem schäbigen Verwaltungsgebäude unmittelbar neben dem Brauereibetrieb in der Landsberger Straße standen, nicht ganz daraus verschwunden sein.

Von Wagners Wohnung im verwinkelten Geviert zwischen Augustinerkeller und Spatenbrauerei ist es bis zu seinem Büro nicht viel mehr als ein Kilometer. Zu Wagners im Park verborgener Villa-Burg führen zwei Eingänge. Doch der eine in einer massiven Holzwand an der Zirkus-Krone-Straße ist für ihn selbst reserviert. Immerhin gibt es dort für mögliche Besucher den Hinweis: „Zugang über die Aral-Tankstelle an der Arnulfstraße.“ Und dort, am hinteren Ende des geräumigen Parkplatzes für den Augustinerkeller, findet sich dann unauffällig an einem Tor das Namensschild des Einsiedlers. Im Telephonbuch steht er noch mit einer ganz anderen Anschrift – mit einer Hausnummer, die es gar nicht mehr gibt.