Von Ulrich Greiner

Gehen Sie doch mal, an einem Donnerstagnachmittag im August zum Beispiel, in eines dieser vielen Kinos, die den Film wieder und wieder vorführen. Drinnen sitzen Leute, zwanzig oder dreißig, die "Spiel mir das Lied vom Tod" alle schon gesehen haben, manche viele Male. Still in ihrem Aug’ erglänzt die Träne des Wiedererkennens, spätestens dann, wenn Charles Bronson jenseits des Bahndamms mit der Mundharmonika die Todesmelodie spielt, und die drei Männer in den langen, flatternden Mänteln, plötzlich innehaltend, sich langsam umdrehen. "Habt ihr ein Pferd für mich mitgebracht?" fragt der Mann auf der anderen Seite, und einer der Mäntel antwortet langsam und höhnisch: "Wenn ich mich hier so umsehe, dann sind da nur drei Pferde. Sollten wir tatsächlich eines vergessen haben?", worauf Charles Bronson nach einer bedrohlichen Pause entgegnet: "Ihr habt zwei Pferde zuviel." Und jeder der zwanzig oder dreißig Leute im Dunkel des Kinos weiß, was jetzt kommt und kommen muß. Drei Tote liegen am Bahndamm.

Es ist etwa zehn Jahre her, daß Studenten und junge Arbeiter in den französischen Alpen ein verfallenes, ehemals herrschaftliches Gehöft kauften und gemeinsam nieder aufbauten. Morgens, wenn es Zeit zum Aufstehen war, ging einer in den Hof und bediente den Plattenspieler, der immer dort stand und auf dem immer dieselbe Platte lag: Ennio Morricones Musik "Spiel mir das Lied vom Tod". Wenn die Harmonika ihren klagenden Halbtonschritt anstimmte, krochen wir aus unseren Schlafsäcken nach draußen in die Sonne und hörten, wie die Todesmelodie von den Bergen auf der anderen Seite des Tals zurückhallte. Der "Dent du Midi", ein kahler Fels im Süden, sah aus wie die Formationen des "Monument Valley", in das die Eisenbahnbauer die Holzschwellen legten; an dem runden Torbogen über der Hof einfährt jedoch hing kein Indianer in der Schlinge, die sich um seinen Hals ziehen würde, sobald der Junge unter ihm, auf dessen Schultern er noch stand, zusammenbrach, jener Indianerjunge, dem Henry Fonda mit seinem sanften Lächeln die Mundharmonika zwischen die Zähne schob und sagte: "Spiel mir das Lied vom Tod."

Ungefähr damals, als jeden Morgen der stumpfe Saphir den Staub aus den Rillen der Todesmelodie kratzte, begann Sergio Leones Italo-Western ein Kultfilm besonderer Art zu werden. Er wurde, wie es jetzt in den Schaukästen eines Hamburger Kinos heißt, in dem der Film schon wieder vierzehn Wochen läuft, zu einem "Erfolg ohne Ende". 1969, bei seinem Start in Deutschland, reagierte die Kritik mürrisch bis feindselig. Als der Film jedoch, nach zögerndem Anfang, immer mehr das Publikum hinriß und als das Kölner "Film-Casino" ununterbrochen vier Jahre lang seine Kasse damit füllte, wurde er nach und nach von den Filmkritikern ernst genommen. 1972 rechnete einer aus, daß 200 000 Kölner den Film gesehen hatten, was hieß, daß so gut wie jeder Einwohner der Stadt, zog man die Blinden und die Bildungsbürger ab, mindestens einmal in dieses Dreistunden-Epos eingetaucht war. Ein älteres Ehepaar machte von sich reden, weil die beiden Süchtigen den Film vierzehnmal gesehen hatten, vermutlich jeden Sonntag an Stelle des Kirchgangs, und für das fünfzehnte Mal eine Freikarte erhielten. Heute noch, zwölf Jahre nachdem er gedreht wurde, taucht der Film mit erstaunlicher Regelmäßigkeit in den Kinos auf und sammelt seine Gemeinde vor der Breitwand. Inzwischen sind es mehr als fünf Millionen Besucher in Deutschland.

Woher dieser Erfolg? Bücher, die man mehrmals liest, haben meist die Eigenart, daß die Geschichte, die sie erzählen, sich nicht in der bloßen Handlung erschöpft. Der klassische Krimi taugt nur zu einmaliger Lektüre, es sei denn, man hat vergessen, wer den Mord beging.

Leones Film setzt die Handlung, um die es geht, voraus. Erst ganz am Ende kann der Zuschauer, wenn er dann noch mag, die Fabel rekonstruieren. Sie schrumpft zu einem Grundmuster zusammen, auf das sich die Geschichte, die der Film wirklich erzählt, andeutungsweise bezieht. Mir ging es so, daß ich die Fabel in ihren Einzelheiten erst beim drittenmal vollständig begriff. Vielen Zuschauern wird es ähnlich ergangen sein. Das liegt daran, daß die Entwicklungslogik des Films nicht literarisch, sondern rein optisch begründet ist. Er entfaltet sich aus Bildern und nicht in narrativer Abfolge.

Der Vorwurf der Langatmigkeit, der von vielen Kritikern erhoben wurde, resultiert aus der Gewohnheit, an einen Film den Maßstab erzählerischer, also literarischer Ökonomie anzulegen, und in der Tat sind ja wohl die meisten Werke der Filmgeschichte Literatur-Adaptionen. "Spiel mir das Lied vom Tod" ist zwar ein langer, aber deshalb noch kein epischer Film. Episch hieße, daß sich die Handlung aus sich selber heraus gemächlich und breit entwickelt. Sergio Leone hingegen überlagert die eher schmale Fabel mit einer optischen Opulenz, die eine zweite Geschichte über der ersten ergibt.