Wenn die Vernunftbarriere fällt...

Von Werner Sökeland

Jeden Nachmittag um vier Uhr schalten vierzig Millionen Amerikaner das Programm der Fernsehgesellschaft NBC an, um eine Sendung zu sehen, die nach dem Urteil der Washington Post „das Leben selbst“ ist: die Gong-Show. Es ist ein lärmendes, verrücktes, ungerechtes Leben, das Entertainer Chuck Barris präsentiert. Denn die Gong-Show profitiert davon, daß manche Leute offenbar alles tun, um ins Fernsehen zu kommen. Sechs Freizeitkünstler, meist hoffnungslos untalentiert, singen, steppen, jodeln, jonglieren, trommeln, pfeifen, hüpfen. Eine dreiköpfige Jtry spielt Schicksal: Wenn sie auf den Gong schlägt, muß der Kandidat die Bühne räumen. Wer jedoch 90 Sekunden durchhält, ohne ausgegongt zu werden, bekommt Punkte und hat Aussicht auf den Hauptgewinn: 516,32 Dollar.

Im November nun will der Norddeutsche Rjndfunk in seinem Studio Hannover die ersten Folgen einer deutschen Gong-Show drehen, die im Weihnachtsprogramm der Dritten Programme ausgestrahlt werden sollen. Wenn die Gong-Show zur Fest der Liebe gefällt, soll sie 1981 in Serie gehen.

Einen Vorgeschmack auf diese neue Form der Unterhaltung kann man schon jetzt einmal im Monat bekommen: auf der Bühne des Hamburger „Trinity“, einer Diskothek in einem Viertel zwischen Innenstadt und Elbvororten. Fünfstöckige Mietshäuser und Gebrauchtwagensalons bestiimmen hier das Stadtbild. Eintritt fünf Mark. Vergoldete Palmblätter vor schwarzen Wänden vermitteln Vorstadt-Mondänität. Pärchen versinken in Plüschgarnituren. Andere bewegen sich auf der Tanzfläche zu 1000 Watt synthetischer Musik oder sehen zu, wie sich ein paar Schüler einen Gratis-Haarschnitt verpassen lassen – wahlweise „Punker“ oder „Ted“ für die Jungen, „Bo Derek“ oder „Entenschwanz“ für die Mädchen.

Punkt halb zehn beginnt die Show. Als erstes klettert eine barfüßige ’Zwanzigjährige namens. Susanna im Blümchenrock die Bühne. Sie läuft einem Mann in die Arme, den eine weinrote F.iege als Conférencier ausweist. Er verschweigt, daß er hauptberuflich NDR-Moderator ist. Die Gong-Show mache er nur nebenbei, erklärt er, mehr aus Gefälligkeit, weil er in der Nähe wohne. Die 500 Mark Honorar nennt er einen „Hungerlohn“.

Susanna darf zu Ende tanzen. Die Jury in ihrem Rücken – eine Mode-Coiffeurin, der Disco-Manager und die Chefin einer Modellagentur – ist vielleicht noch zu schläfrig, auf den riesigen chinesischen Gong zu hauen und Susannas barfüßiger Solo-Polka ein Ende zu machen, Sie-, ben von fünfzehn möglichen Punkten für Susann na und Küßchen für den Conferencier.