Von Uwe Prieser

Moskau.

Wenn die Olympischen Spiele von Moskau später einmal auf einen Begriff gebracht werden, wird man sie vielleicht die "Olympiade der Verlegenheit" nennen. Was ist von diesen Spielen zu halten? Eine Woche nach der Eröffnungsfeier ist das Schwarzweißbild der Gegensätze von Ost und West differenzierter geworden: Eine Spartakiade ist das nicht, wenn nach 23 Wettbewerben schon 21 Weltrekorde gebrochen worden sind; aber ein Weltfest des Sports ist es auch nicht, wenn mehr als ein Drittel der Welt auf Distanz gegangen ist.

Weil niemand unvoreingenommen sein kann, trifft die Verlegenheit alle. Die einen wollen das Fest nicht groß machen und müssen doch anerkennen, daß es olympische Dimensionen hat. Die anderen wünschen die ungetrübte, schöne Demonstration von Freundschaft und .Fortschritt und müssen doch einsehen, daß Olympia auch, sportlich einen Rückschlag erlitten hat.

"Der Boykott hat sich nicht negativ auf das Leistungsniveau ausgewirkt", sagt Wladimir Popow. Das zu sagen, ist sein Job, er ist stellvertretender Vorsitzender des Organisationskomitees. Doch viele Olympiasieger mußten sich inzwischen vorrechnen lassen, daß ihre Leistung hinter der Leistung abwesender Athleten zurückgeblieben ist. Nie zuvor haben "Hoffnungsläufe" ihren Namen so sehr verdient wie jene der Ruderinnen auf dem Kanal von Krylatskoje – mangels Masse kamen auch die Vorletzten noch ins Finale. In der Schwimmhalle langweilten sich die Zuschauer: In beinahe zwei Stunden gab es ganze acht Rennen zu sehen, weil wegen geringer Beteiligung Zwischenläufe gestrichen werden mußten.

Der Cheftrainer der sowjetischen Schwimmer gab einer Enttäuschung Ausdruck, von der bislang noch nicht die Rede war. "Acht Jahre", sagte er, "habe ich dafür gearbeitet, um hier in Moskau die Amerikaner zu schlagen. Jetzt sind wir bereit, und sie sind nicht da. Und 1982 sind die Weltmeisterschaften in Kalifornien, 1984 die Spiele in Los Angeles, und dann haben wir keine Chance mehr. Wir hätten jetzt eine einmalige Möglichkeit gehabt."

Die Verlegenheit beginnt für den Athleten nach dem Wettkampf. "Glauben Sie, daß Ihre Medaille nach dem Boykott noch denselben Wert hat, wie sie ihn sonst gehabt hätte?" Es sind vor allem Berichterstatter aus der Bundesrepublik, die auf Pressekonferenzen diesen Satz mit beinahe heiligem Ernst zur Gretchenfrage erheben. Was wollen sie hören? Was sollen die Athleten antworten? Ob der Schütze Melentew, die Schwimmerin Krause ihre Siege auch gegen die Konkurrenz aus den USA errungen hätten, mögen die für sich selbst entscheiden, die ihre Erwartungen aus den Statistiken beziehen. Die Reaktionen der beiden überragenden Schwimmer von Moskau, Barbara Krause und Wladimir Slanikow, fielen jedenfalls beinahe gleich aus: Gewiß wäre es mit den Amerikanern härter geworden, aber man hätte wohl auch dann gewonnen.