Entführungen sind in Italien kein Phänomen nur der letzten zehn oder zwanzig Jahre. Sie gehören vielmehr zum historischen Alltagsbild.

Der Zusammenhang zwischen den italienischen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnissen einerseits und italienischen Formen der Kriminalität andererseits wurde von dem englischen Wirtschaftshistoriker Eric Hobsbawm ( Industrie und Empire, Frankfurt 1969) in einer einflußreichen Studie unter dem Titel Sozialrebellen vorgeführt.

Ob es die bäuerliche Bewegung des kalabrischen „Sozialbanditentums“ im 19. Jahrhundert ist oder die sizilianische Mafia – das grundsätzliche Problem, so Hobsbawm, ist die „Anpassung von Volksbewegungen an eine moderne kapitalistische Wirtschaftsweise“. Das Sozialbanditentum sei „wenig mehr als ein lokaler und endemischer Protest der Bauern gegen Unterdrückung und Armut: ein Racheschrei gegen die Reichen und die Unterdrücker, ein vager Traum, ihnen Schranken zu setzen, eine Wiedergutmachung persönlichen Unrechts. Seine Ziele sind bescheiden: die Bewahrung einer traditionellen Welt, in der die Menschen gerecht behandelt werden, nicht etwa eine neue und vollkommenere. Soziales Banditentum wird eher epidemisch als endemisch, wenn eine bäuerliche Gesellschaft, die keine besseren Mittel der Selbstverteidigung kennt, unter Bedingungen einer außerordentlichen Spannung und Spaltung gerät. Sozialbanditentum hat so gut wie keine Organisation oder Ideologie..

Hobsbawm: „Banditen und Straßenräuber beschäftigen die Polizei, sie sollten aber auch den Sozialwissenschaftler beschäftigen. Banditentum ist eine – ziemlich primitive – Form organisierten Protests, vieleicht die primitivste, die wir kennen... Die Armen beschützen deshalb den Banditen, betrachten ihn als ihren Helden, idealisieren ihn und erheben ihn zum Mythos...

Wenn der Bandit dennoch von den Armen nimmt und .illegitim’ tötet, dann verspielt er seine mächtigsten Trümpfe, nämlich die Hilfe und Sympathie der Öffentlichkeit.

Unter anderem hat uns Carlo Levi in seinem ‚Christus kam nur bis Eboli‘ daran erinnert, wie tief den Bauern des Südens die Banditenhelden im Gedächtnis wurzeln. Für sie gehören die Jahre der Briganten‘ zu den wenigen und realen Geschichtsabschnitten, weil sie, im Gegensatz zu all den Königen und Kriegen, die ihren sind...

Unsere Epoche ist in gewisser Hinsicht das klassische Zeitalter des Sozialbanditen... In Kalabrien und Sardinien begann die große Zeit der Briganten im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als auch hier die moderne Wirtschaft mit Agrardepression und Auswanderung in ihrem Gefolge vorstieß ...