Von Norbert Kricke

Alfred Schmelz ist tot. Am Sonntag, dem 20. Juli starb er. Mehr als dreißig Jahre lang war er als Maler Und Kunsthändler, als ehrlicher Mittler zwischen den Künstlern, den Sammlern und den Museen in aller Welt unermüdlich tätig. Wie kein anderer Kunsthändler hat er als Deutscher in der internationalen Kunstszene unbestritten die höchste Anerkennung gefunden. Sein Urteil galt ebenso in London wie in Mailand, in Paris wie in New York. Auf dem Gebiet der zeitgenössischen bildenden Kunst war er überall respektiert. Die besten Künstler unserer Zeit waren seine persönlichen Freunde. In vielen Fällen war er der erste, der Vertrauen in sie setzte und ihnen ihre erste Einzelausstellung einrichtete. Gerade bei den noch Unbekannten zeigte er einen Elan, der viele zögernde und abwarten wollende Sammler und Kunstfreunde einfach mitriß. Ich glaube, kein Kunstfreund, der sich von Alfred Schmela beraten ließ, hat dies je bereut. Wissen – Erkennen – Zugreifen und dann voller Einsatz auf dem Weg, den er für den richtigen hielt – und der auch der richtige war.

Er wußte, was Malerei ist, weil er selbst bis zum letzten Tage gemalt hatte. Eigentlich war er durch und durch Künstler. Der Umgang mit Menschen – dem Kunstpublikum wie den Künstlern selbst – war ihm wichtig und erfreute ihn. Hier sah er seine Aufgabe. Er sprach wie ein Künstler, urteilte wie Künstler, die von der Sache etwas verstehen, sprach nie in Floskeln, sondern immer das, was er dachte, unverblümt aus. Dabei war er nie verletzend, selbst nicht, wenn er Kraftausdrücke benutzte, die normalerweise ein Kunsthändler nicht wählt. Sein stark ausgeprägter rheinischer Humor und sein Charme waren die Legitimation für sein freies Auftreten. Ihn interessierte nur Kunst – nichts als Kunst. Wer mit dieser Persönlichkeit zusammentraf – gleichgültig, wer es auch gewesen sein mag – der erlag ihr nicht nur sofort, sondern den interessierte plötzlich auch die Malerei, die Plastik und die Zeichnung. Nie machte er mit seiner Galerie, die ihm Aldo van Eyck in der Altstadt Düsseldorfs baute, großes Gehabe. Er war im Grunde ein in sich ruhender Mensch; aber ausgestattet mit Gaben, die eben die Voraussetzung sind für die Persönlichkeit dieser Art. Oft verglichen mit „Mutter Ey“, die in den zwanziger Jahren eine ähnliche Rolle in Düsseldorf gespielt hatte, erscheint Alfred Schmela doch als eine Figur internationalen Formats. Er haßte Provinzialität, die sich wichtiger machen wollte als die besseren künstlerischen und kritischen Kräfte in anderen Ländern. Er wollte Welt und hat sie erlangt.

Sein Spürsinn im Künstlerischen war stark ausgeprägt, und keine noch so massiv auftretenden Kunstrichtungen konnten ihn irritieren. Er hielt sich nicht an die Moden – immer waren es die einzelnen Künstler, die ihn interessierten. Dann fragte er fast beiläufig einen oder einige seiner besten Künstlerfreunde: „Was meinst Du zu dem da? Ist noch nie gezeigt worden. Glaube, das ist einer!“ Die Meinung der Künstler war ihm stets wichtiger als die der Kritiker, der Museumsdirektoren und Sammler. Das Urteil und langatmige Auslassungen vieler Autoren. Er wußte, daß es über Kunst, nur wenig richtiges zu sagen gibt, und er wußte das wenige Richtige vom vielen Falschen genau und in Sekundenschnelle zu unterscheiden. Er kannte die Sprache der Kunst, konnte sie lesen, gleichgültig, ob es sich um Plastik oder Malerei handelte. Als 1953 die Ausstellung „12 Amerikanes“ – von Ritchie in New York zusammengestellt, von Rüdlinger in Bern den Schweizern gezeigt – durch Werner Doede im Kunstmuseum Düsseldorf dem hiesigen Publikum vorgeführt wurde, stand Düsseldorf Kopf oder ignorierte diese hervorragende Schau. Ich glaube, nur zwei Besucher waren wirklich begeistert: Alfred Schmela und ich. Wir haben über diese Ausstellung nicht eir. gutes Wort gehört; es sei denn das, was wir selbst sagten.

Geld verdienen machte ihm Spaß, aber es war nie der Antrieb für seine Ausstellungsaktivitäten. War er von Richtigkeit und Wichtigkeit einer Sache überzeugt, so packte er sie an und ruhte nicht, bis er sie durchgesetzt hatte. Im Anfang war auch mit Geldverdienen nicht viel zu machen. Er holte selbst im alten Mercedes Diesel die Arbeiten bei den Künstlern ab und brachte sie nach der Ausstellung wieder zurück. DM war der billigste Weg, es gab keinen anderen für ihn. Ich glaube nicht, daß es einen Künstler auf der Welt gibt, der von Alfred Schmela noch einen Penny zu bekommen hat, (Eine Tugend, die nicht allzu verbreitet ist.)

Ich kann nicht alle nennen, die früh ihre Ausstellung bei Alfred Schmela hatten und die sich nachher zu nationalem und internationalem Ring entwickelt haben: Yves Klein (mit dem er 1957 seine Galerie eröffnete), Tapies, Christo, Richter, Graubner, die Gruppe „Zero“, Beuys, Heerich und Klapheck, Indiana, Segal oder Tuttle. Er selbst, weltberühmt, blieb so, wie er war, als ich ihn vor mehr als dreißig Jahren kennengelernt habe, einfach, hochsensibel, menschlich integer, von überragender bildnerischer Intelligenz und nie eingebildet. Geduldig sah er sich die Mappen unzähliger junger Künstler an, die bei ihm ausstellen wollten. Er gab Ratschläge, ermunterte sie weiterzumachen, und dann und wann griff er zu und stellte wieder einmal einen villig Unbekannten aus. Bei den Semesterschluß-Ausstellungen der Akademie ging er tagelang durch die Ateliers auf der Suche nach jungen Talenten. Wegen seiner Verdienste um die zeitgenössische Kunst verlieh ihm die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf 1978 zu seinem sechzigsten Geburtstag die Ehrenmitgliedschaft.

Viele haben ihn als Original betrachtet. Irrtum! Er war viel mehr, er war ein Kenner und Könner in seinem Fach. Wir müssen lange warten, bis wieder solch ein Mann auftaucht, den eigentlich nichts als Kunst und immer wieder nichts als Kunst interessiert; Die Sammler und Museumsdirektoren haben einen Wegweiser, die Künstler dieses Jahrhunderts ihren besten Freund verloren.