Herrreinspaziert, Herrschaften! Staunen Sie, lernen Sie das Fürchten, lachen Sie sich kaputt! Hier sprengen Architekten die Ketten des Funktionalismus und lassen sich tollkühn von der Vergangenheit fesseln. Hier jonglieren gestandene Baukünstler wie die alten Meister mit Säulen, Giebeln, Architraven und anderen sperrigen Gegenständen der verleumdeten Geschichte. Hier machen sie mit Sperrholz, Pappe und viel Farbe Witze am laufenden Band und reißen den Vorhang auf ins Orwellsche Jahrzehnt. Erleben Sie den dreifachen Todessalto vom Trapez des Internationalen Stils in die tausend Fangarme des nachmodernen Stils der vielen Stile. Nichts ist verboten! Alles ist erlaubt! Verfolgen Sie im Beiprogramm den Nachwuchs an den Kletterstangen in eine kunterbunte Zukunft! Strömen Sie in den Zirkus Portoghesi! Auf nach Venedig!

Venedig hat für den Fall, daß seine Ereignisse langweilig sein sollten, immer noch sich selbst, und das ist allemal mehr, als man in ein paar Tagen auf Besuch wahrzunehmen vermag. Zur Zeit bietet es nicht nur zwei gelehrte, vom Palladio-Jahr inspirierte Ausstellungen, sondern auch die Biennale, mehr noch: zwei Biennalen. Eine gehört, wie immer schon, der bildenden Kunst, die neue ist zum erstenmal der Architektur gewidmet. Wem die Kunstveranstaltung zu trocken sein sollte, wird sich in der architektonischen so unterhalten fühlen wie in einem toll gewordenen altmodischen Zirkus. Es ist schwierig, sich dieser Metapher zu erwehren, 10 kurios und so arrogant, so lustig und so abstoßend ist die Veranstaltung, sie kann einen nicht zuletzt bange machen vor einer Zukunft, der die Vergangenheit so leidenschaftlich an den Hals gewünscht wird.

Das Motto der Architektur-Biennale heißt genau: „Die Gegenwart der Vergangenheit“, wie sie sich in den geplanten und schon gebauten, nur gemalten oder erst gedachten Werken zeitgenössischer Architekten darstellt. Und es ist da gar nicht selten, daß Bauten, aus jeder Wirklichkeit entfernt, selbstgenügsam nur als Bilder existieren: Architektur, die auf keinem Grundstück stehen will, weil es ihr an der Wand so gut gefällt.

Geschichte, so heißt die neue Parole, ist nicht mehr verboten. Ihr applaudieren am lautesten diejenigen, die den Funktionalismus als eine Verordnung zu architektonischer Spracharmut mißverstanden haben und nun endlich die Chance zu einer scheinbar unerschöpflichen Eloquenz zu erkennen glauben. Der Amerikaner Charles Jencks nannte die ganze, aus vielen Nebenflüssen gespeiste pluralistische Strömung „Postmodernismus“. Gemeint ist damit die Architektur, die auf die „Moderne“ der ersten, durch Namen wie Gropius und Rietveldt, Mies van der Rohe und Le Corbusier gekennzeichneten Jahrhunderthälfte folgt und den funktional begründeten Gestaltungskanon trotzig ignoriert. Das Verdikt gegen das sinnentleerte Ornament des 19. Jahrhunderts ist von den Postmodernisten außer Kraft gesetzt worden; Eklektizismus ist kein Verbrechen mehr; wenn nicht gepriesen, ist er doch zum Kavaliersdelikt geworden. In Venedig jedenfalls will man Spaß mit der Architektur haben.

Unter den Hauptvertretern der neuen „Richtung“, die Anregungen aus der Baugeschichte empfangen und sie teils sehr gescheit reflektieren, teils schauderhaft trivial umsetzen, hat nun der Biennale-Direktor Paolo Portoghesi, eine der intelligentesten Figuren auf der italienischen Architektur-Szene, zwanzig für prominent erachtete und gut fünfzig andere Kollegen aus Amerika, Europa und Japan eingeladen, sich und ihr Werk auf dieser Biennale zu präsentieren. Er hat sich dabei von den Architekturtheoretikern Charles Jencks, Vincent Scully und Christian Norberg-Schulz beraten lassen.

Die Art ihrer Ausgewählten, auf die Baugeschichte zu reagieren, reicht von der vernünftigen, ebenso normalen wie harmlosen Lust, sich von (zeitgenössischen oder historischen) Vorbildern anregen zu lassen und es nun auch nicht mehr zu leugnen, bis zur Anbiederung und weiter bis zur dümmlichen historistischen Platitüde. Die saloppen Apologeten dieses neuen Manierismus haben freilich weniger das Zeug zu einer neuen Moderne als zu einer neuen Mode, in der die Gemütswerte des Gewohnten und des Gewöhnlichen eine wichtige Rolle spielen. Unter Designern würde man ihre Anstrengungen in der Rubrik styling führen.

Die Ausstellung ist in der imponierenden, vierhundert Jahre alten Seilerei des venezianischen Arsenals untergebracht, einer etwa dreihundert Meter langen dreischiffigen Halle, deren Emporen von vielen schönen dickleibigen Säulen getragen werden. Zu beiden Seiten eines siebzig Meter langen Teils in der Mitte haben die zweimal zehn Prominenten zwischen jeweils zwei Säulen eine Fassade aus Holz und Pappe errichten und bunt anstreichen dürfen. Darin sollten sie sich und ihre Auffassung von Architektur widerspiegeln; es sind nicht selten geschmacklose, höchst alberne oder privatistische Etüden geworden; In den Räumen dahinter bekamen sie Gelegenheit, eine Auswahl derjenigen Werke in Photos, Modellen und Zeichnungen, Gemälden oder Manifesten zu zeigen, für die das Motto der Biennale gilt: Die Gegenwart der Vergangenheit. Sie hatten dabei freie Hand und konnten, sofern sie Spaß daran gehabt hätten. nichts als sich selber zu Gesprächen bereit halten oder mit „entertainments“ locken können.