Von Karl-Heinz-Wocker

London

Sie wurde geboren im Jahre 1900 als Elizabeth Bowes-Lyon. Als ihr Vater zum 14. Earl of Glamis aufrückte, erhielt sie den Titel Lady Elizabeth Glamis. Der Name steht schon bei Shakespeare: Die Hexen weissagen Macbeth, er werde Than von Glamis, Than von Cowdor und dann König werden. Lady Elizabeth wurde 1923 Herzogin von York und 1936 Königin von England. Sie lebte bis 1952 an der Seite Georgs VI. Nun ist sie 80 und wird frenetisch gefeiert, so als gelte es den Zusammenhalt der Nation zu zelebrieren.

Mit ihren vorwiegend rosa Kostümen und adäquaten Hüten taucht die Königinmutter jahraus, jahrein unentwegt lächelnd zwischen Loch Ness und Brighton Pier auf, wo es etwas einzuweihen, vom Stapel zu lassen oder Pompöses zu eröffnen gilt. Sie ist unverwüstlich. Eine Phase physischer Gefährdung, hat sie mühelos überstanden, einschließlich einer schweren Operation, einer Kolostomie, die einen künstlichen Verdauungsabgang ermöglicht. Aber über so etwas redet man nur bei normalen Menschen. Wie sagte jener Hofbeamte, als der französische Botschafter in Madrid das, damals exquisite Geschenk neu in Mode gekommener Seidenstrümpfe überreichen wollte? „Die Königinnen von Spanien haben keine Beine.“ Daran hat sich in 400 Jahren wenig geändert. Wo die „Queen Mum“ auftaucht, wird gejubelt. Warum, weiß kein Mensch. Sie ist ein Stück Gegenwart: freundlich auch dort, wo ihre Tochter nur mühsam lächelt. Sie war die letzte Kaiserin von Indien, ein Land, das sie jedoch nie gesehen hat. Es ist ja auch zu ihr gekommen: In Süd-, und West-London allein leben inzwischen mehr Inder und Inderinnen, als sie je bei einem Besuch des Subkontinents mit Händewinken hätte begrüßen können. Sie ist zeitgenössisch und unzeitgemäß in einem. Sie ist völlig überflüssig, aber nahezu jeden Tag schütteln ihr ganze Schulklassen die Hand.

Es besteht nicht die leiseste Veranlassung, sie als eine irgendwie verdiente nationale Figur zu verehren. Eine „Königinmutter“ existiert nicht in der Verfassung, wenngleich in der Apanagenliste des Parlaments (mit einer runden Million Mark pro Jahr). Dafür stattete sie im letzten Jahr 63 Besuche ab, nahm an 35 Empfängen teil und gab 18 Audienzen. Ansonsten ist sie eine nette alte Dame – sonst nichts. Und nett war sie keineswegs immer. In den kritischen Wochen des Jahres 1936, als ihr Schwager zwischen seiner Geliebten Wallis Simpson, der geschiedenen Amerikanerin, und dem Thron von England entscheiden mußte, gehörte die Schwägerin zu den Haupthetzern, die in Eduard VIII. einen verantwortungslosen Egoisten sahen, der sein Privatleben über die hehren Werte der Monarchie stellte.

Was hatte die Herzogin von York gegen Wallis Simpson? Würde Eduard VIII. abdanken, so müßte doch sein Brüder, nämlich ihr, Elizabeths Mann, König werden. Offenbar hatte Elizabeth aus den verschiedensten Gründen keinerlei Lust, die Krone zu tragen. Sie war nicht ehrgeizig – das ehrt sie. Vielleicht traute sie ihrem Mann aber auch nicht zu, mit der Aufgabe fertig zu werden – das ehrte sie weniger. Was immer die heutigen Lobhudler zum Preise des „Ersatzpaares“ anführen, das dann nach Eduards Weggang an die Herrschaft gelangte – Begeisterung brachten sie beide nicht mit.

Georg VI. raffte sich dann zu einer Art von Pflichtübung auf. Er war ein lustloser König, überfordert durch den Krieg, wenn auch mutig. Er blieb in der Hauptstadt, um die Menschen in den zerbombten Straßen moralisch aufzumöbeln. Seine Frau ging an seiner Seite. Beide trugen stets ein? Gasmaske mit sich. Beide wurden im Garten des Buckinghampalastes der absurden Prozedur unterzogen, sich im Pistolenschießen zu üben. Wozu? Für den Fall herabschwebenden deutscher Fallschirmjäger? Beide sollen gute, treffsichere Schützen gewesen sein. Churchill, der alles ausprobierte, womit sich ballern ließ, lobte die Zielkunst des Herrscherpaares! Dessen Praxis stammte von einigen Safari-Reisen im Uganda der zwanziger Jahre.