Von Dieter Buhl

Bahnt sich für Jimmy Carter eine politische Tragödie an? Dem Präsidenten, dem in letzter Zeit das Glück nur selten hold war, droht nun ein verheerender Schlag. Mitte August sollte er vom Parteitag der Demokraten erneut auf den Schild gehoben werden. Das Duell um die Präsidentschaft mit dem republikanischen Herausforderer Ronald Reagan schien seit langem eine ausgemachte Sache. Jetzt rückt Carter die Affäre um seinen Bruder Billy ins Zwielicht; sie kann den Präsidenten die Chance auf eine zweite Amtszeit kosten.

Zunächst schien es, als ließe sich der neueste Washingtoner Skandal leicht als Familienposse abtun; schließlich steht Billy the Kid inzwischen selbst diesseits des Atlantiks im Ruf, das Sorgenkind des Carter-Clans zu sein. Aber diesmal geht es nicht um eine der lächerlichen Eskapaden des Präsidentenbruders, im Zusammenhang mit ihm steht diesmal auch die außenpolitische Klugheit des Weißen Hauses zur Debatte, weil der Nationale Sicherheitsberater Brzezinski den Tankstellenwärter Billy Carter aus Plains in delikate Verhandlungen mit dem feindlich gesonnenen Libyen eingeschaltet hat. Die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich. Dilettanten am Werk – ausgerechnet in der Außenpolitik? Nicht einmal die Absicht des Präsidenten, mit Hilfe seines Bruders die Libyer zum Fürspruch für die amerikanischen Geiseln in Teheran zu bewegen, kann als mildernder Umstand gelten. Wer einen Hinterwäldler als außenpolitischen Emissär einsetzt, gerät selbst in den Dunstkreis des Provinziellen.

Die Amerikaner haben darüber hinaus noch allen Grund zu fragen: Warum erhielt Billy Carter 220 000 Dollar aus libyschen Kassen? Benutzte er seine verwandtschaftlichen Bande zugunsten der Libyer? Und: Hat das Weiße Haus alles unternommen, um Billys trübe Beziehungen aufzuhellen?

Die Suche nach den Antworten hat bereits begonnen. "Überall ist Watergate", heißt die Parole. Das traumatische Erlebnis während der Amtszeit Nixons nährt den Argwohn gegen mögliche unlautere Machenschaften. In der Hauptstadt grassiert die Hysterie. Das alles wird jetzt den Senatsausschuß und allen voran die Medien dazu beflügeln, Detektivarbeit zu leisten. Daß nach vielen anderen Politikern nun auch der moralisch anspruchsvolle Jimmy Carter in die Schußlinie geraten ist, dem selbst seine schärfsten Kritiker Integrität bescheinigen, muß den Zynismus der amerikanischen Wähler anfachen und Außenstehende fragen lassen: Ist Amerika wirklich so korrupt, wie die Serie von Skandalen suggeriert, oder leidet es unter Säuberungswahn?

Auf dem Demokratischen Konvent in New York werden prinzipielle Fragen zu dieser Problematik nicht zur Debatte stehen. Dort geht es um handfeste politische Vorteile: Bei der Wahl im Sog des glücklosen Carter untergehen – oder einen neuen Bannerträger der Partei wählen. Vor diese Alternative sehen sich viele Parteitagsdelegierte gestellt, die im Herbst ihr Mandat verteidigen müssen. Schon vor dem Billy-Debakel lag der Präsident bei Umfragen weit hinter seinem Konkurrenten Reagan. Jetzt prophezeien die Meinungsforscher, Carter werde in der Wählergunst sogar von dem unabhängigen Kandidaten John Anderson überholt.

Ein republikanischer Erdrutsch am 4. November kündigt sich an. Um ihn zu verhindern, wollen immer mehr Demokraten Jimmy Carter die erneute Präsidentschaftskandidatur verweigern. Sie fordern einen "offenen Konvent". Die Parteitagsdelegierten, deren Mehrzahl Carter im harten Vorwahlkampf hinter sich brachte, sollen von ihrer Votumspflicht für den Präsidenten entbunden werden.