Die meisten touristischen Reiseberichte über das heutige China sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden. Von diesen entbehrlichen Produkten hebt sich die gemeinsame Arbeit eines Schriftstellers und einer Photographin ab, zu der eine mehrwöchige Reise durch China im Herbst 1978 das Material lieferte:

Arthur Miller/Inge Morath: „In China“; Reich Verlag, Luzern 1979; 256 S., 45,– DM.

Die Verfasser unterhielten sich eingehend mit chinesischen Schauspielern, Regisseuren, Drehbuchautoren und Schriftstellern über Arbeitsbedingungen, Vorhaben und methodische Probleme. Inge Morath ergänzte diesen Bericht mit eindrucksvollen Photos von chinesischen Landschaften und aus dem Alltag der Menschen.

In den Gesprächen mit den Künstlern kommt die Rede immer wieder auf die Kulturrevolution, unter der die Intelligenzia Chinas ganz besonders zu leiden hatte. Miller versucht mit großem Einfühlungsvermögen die Auswirkungen dieser gespenstischen Jahre auf die Künstler zu ergründen und Zugang zu ihrem jetzigen Lebensgefühl zu finden. Eine große Rolle spielt dabei die Frage, ob sich derartige Exzesse wiederholen könnten. Die chinesischen Gesprächspartner sind überwiegend der Ansicht, das sei unwahrscheinlich. Doch wird auch mit Entschiedenheit die Meinung vertreten, kulturrevolutionäre Erschütterungen würden sich künftig wiederholen. Die Furcht vor einer solchen Entwicklung lähmt jede Initiative und ist damit eines der größten Hindernisse der Modernisierung des Landes und der Wiederbelebung seines kulturellen und geistigen Potentials.

Den Chinesen, denen der Leser in diesem Buch begegnet, merkt man an, daß sie schwerste psychische und physische Belastungen hinter sich haben; sie sprechen nur in Andeutungen darüber. Ihr Optimismus ist gedämpft; fast scheint die Skepsis zu überwiegen. In der Schilderung dieser Eindrücke liegt der Wert des Berichts. Er vermittelt ein differenziertes Bild von der Stimmung unter chinesischen Intellektuellen gegen Ende 1978, einer Zeit also, als die Hoffnung auf zunehmende Freiheit besonders groß war.

Neben den Gesprächen mit chinesischen Künstlern stehen Unterhaltungen des Ehepaares Miller-Morath mit Amerikanern, die seit Jahrzehnten in China leben und Zeuge sowohl der Erfolge als auch der selbstzerstörerischen Fehler der kommunistischen Herrschaft waren. Ihre vorsichtigen Äußerungen runden das Bild ab. Vor allem aber lassen sie erkennen, wie schwer verständlich die gesellschaftspolitischen Vorgänge in China auch für den ständig im Lande lebenden Ausländer sind, und wie schwierig es ist, einigermaßen zutreffende Antworten auf die Fragen zu geben, die China dem Beobachter stellt.

Dennoch weichen die Verfasser einem klaren Urteil nicht aus. In ihren Augen ist China trotz des Zaubers seiner alten Opern nach dreißig Jahren eine kulturelle Wüste. Durch das Fehlen jeder unabhängigen künstlerischen Reaktion auf die Wirklichkeit sei der Mensch seines Selbstbildnisses beraubt, das er braucht, um sich über sich selbst zu orientieren. Die entscheidende Frage, ob die Partei den Künstlern so viel Freiheit geben wird, daß sich China vor und nicht nach einer neuen Katastrophe mit sich selbst auseinandersetzen kann, bleibt offen. Auch die Entwicklung seit Ende 1978 laßt hier noch keine Antwort zu. Joachim Glaubitz